Otto Rettenmaier Audimax der Universität Hohenheim

Eleganz trifft Funktionalität

Das Otto Rettenmaier Audimax der Universität Hohenheim zeigt exemplarisch, wie ein großer Hörsaal zeitgemäß gestaltet und medientechnisch ausgestattet werden kann.

Jörg Küster
(Bild: Jörg Küster)

Eleganz und Funktionalität gehen im Otto Rettenmaier Audimax der Uni Hohenheim Hand in Hand – Studierende wie Lehrkräfte finden in dem zum Wintersemester 2016/17 offiziell seiner Bestimmung übergebenen Hörsaal optimale Bedingungen vor. Die ansprechende Gestaltung mit vollflächig holzverschalten Wänden, einer modernen Möblierung und einem stringenten Farbkonzept trägt maßgeblich zu einer hohen Akzeptanz bei – auch bei Teilnehmern von Fachkongressen und Tagungen, die regelmäßig im Audimax ausgerichtet werden.

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Ausgezeichnetes Audimax

Das Otto Rettenmaier Audimax bietet auf einer Fläche von 787 m2 bis zu 663 Personen Platz. Eine 2:1-Teilung in zwei Säle mit 442 und 221 Sitzplätzen ist mittels Trennwand möglich, was eine flexible Nutzung des Raumangebots begünstigt. Je nach Szenario stehen Vortragenden ein Rednerpult sowie ein oder zwei Dozententische zum getrennten oder gleichzeitigen Betrieb zur Verfügung. Steigende Studierendenzahlen machten an der Universität Hohenheim den Bau eines neuen Hörsaals erforderlich. Das Audimax befindet sich im Zentrum des Campusgeländes direkt gegenüber der Mensa sowie in unmittelbarer Nähe zu Schloss Hohenheim. Als ostseitiger Anbau an das Biologie- und Hörsaalgebäude fügt sich das neue Auditorium maximum harmonisch in die Topografie des Baubestands ein.

Der Name des als Unternehmer erfolgreichen Mäzens umschließt in silbrigen Metalllettern die glatte Attika des Neubaus. Die Buchstaben „schweben“ vor der Fassade und erzeugen je nach Einfallswinkel des Sonnenlichts ein Schattenspiel, das dem markanten Schriftzug eine dreidimensionale Wirkung verleiht. Die Außenfassade wird durch großformatige Betonfertigteilelemente
geprägt, die mit einer horizontalen, wellenförmig ausgebildeten Stülpschalung versehen sind – dem kubischen Baukörper wird auf diese Weise eine besondere Finesse verliehen. Hohe Fenster versorgen das Audimax mit Tageslicht und gewähren vom Außengelände Einblicke in den Hörsaalbetrieb.

Jörg Küster
Hörsaalgebäude von aussen – die Fassade wird durch großformatige Betonfertigteilelemente geprägt, die mit einer horizontalen, wellenförmig ausgebildeten Stülpschalung versehen sind. Der Name des als Unternehmer erfolgreichen Mäzens umschließt in silbrigen Metalllettern die glatte Attika des Neubaus (Bild: © Copyright 2019 Jörg Küster, all rights reserved.)

 

Viel Wert wurde auf Energieeffizienz gelegt, zu welcher eine Wärmerückgewinnungsanlage sowie zahlreiche Photovoltaikelemente beitragen. Die Bauzeit erstreckte sich über den Zeitraum zwischen Mai 2014 und November 2016; die Gesamtkosten inklusive Medientechnik werden vom „Landesbetrieb Vermögen und Bau Baden-Württemberg“ mit 8,2 Millionen Euro beziffert, von denen Namensgeber Otto Rettenmaier drei Millionen Euro beisteuerte. Der Gebäude wurde mit der Hugo-Häring-Auszeichnung 2017 gewürdigt, die vom „Landesverband Baden-Württemberg des Bundes Deutscher Architekten“ (BDA) für vorbildliches Bauen vergeben wird.

Fast wie im Kino …

Die von der Wireworx Gesellschaft für audiovisuelle Medien mbH (www.wireworx.de) geplante Medientechnik befindet sich im Otto Rettenmaier Audimax auf der Höhe der Zeit: Sie ist flexibel nutzbar und derart konzipiert, dass bei neuen technischen Entwicklungen sinnvolle Erweiterungsmöglichkeiten gegeben sind. Als Errichter wurde die mevis.tv GmbH aus Stuttgart beauftragt.

„Wir waren mit Wireworx bereits relativ früh in den Planungsprozess involviert und konnten unter anderem anregen, dass die Projektionsflächen bündig in die architektonische Raumschale eingelassen werden“, berichtet Dipl.-Ing. (BA) Elektrotechnik Manuel Jurkitsch, Betriebsleiter/Operations Manager bei Wireworx. Verwendung finden drei mikroperforierte Leinwände (AV Stumpfl Fullwhite mit Flex White CI micro) von 6 Meter Breite und 3,75 Meter Höhe, die im eher ungewöhnlichen 16:10-Format bespielt werden, wodurch das Bild je nach gezeigtem Content von
schwarzen Balken flankiert wird. Die Perforation der Projektionsfolien ist erforderlich, da sich – ähnlich wie in einem Kino – Lautsprecher hinter den Leinwänden befinden; eine gröbere Lochung hätte bei der Darstellung von HD-Bildern zu Moiré-Effekten führen können. Für Wartungszwecke sind die Projektionsrahmen mit einer aufwändigen Mechanik versehen, mit deren Hilfe sie sich ähnlich wie riesige Türen aufschwenken lassen. Mit der Umsetzung der mechanischen Sonderkonstruktion war die Gerriets GmbH befasst.

Jörg Küster
Blick vom Rednerpult

Mittig hinter den Leinwänden ist jeweils ein einzelner elektronisch steuerbarer LFI-350 Linienstrahler von Fohhn montiert, dessen Front sich unmittelbar an der mikroperforierten Folie befindet. Wird der Hörsaal als Gesamtheit genutzt, findet die Beschallung entweder als 3 × Mono oder als Left/Center/Right (wie im Kino, allerdings ohne Surround) statt; bei einer Teilung mittels Trennwand bleibt dem kleineren Saal ein eigener Lautsprecher erhalten. Im Tieftonbereich werden die Linienstrahler durch vier THX-zertifizierte JBL 4645C Bassreflex-Subwoofer mit 18″- Bestückung unterstützt, welche von für Kinoanwendungen konzipierten Crown DSi 4000 DSP-Endstufen angetrieben werden und mit ihren kompakten Abmessungen der geringen
vor Ort verfügbaren Einbautiefe gerecht werden.

Der STI („Speech Transmission Index“) beläuft sich im Otto Rettenmaier Audimax laut Manuel Jurkitsch auf einen Wert von mehr als 0,7, was angesichts der Raumdimension ein überraschend gutes Ergebnis ist.

Als Projektoren wurden drei Barco RLM-W14 3-Chip-DLPModelle mit WUXGA-Auflösung gewählt. Die leistungsstarken Beamer sind in einem an der Rückseite des Hörsaals eingerichteten Regieriegel untergebracht, der auch Dolmetscherkabinen sowie einer kombinierten Video-/Tonregie (u. a. mit Yamaha QL1-Digitalmischpult) Platz bietet. Der Projektionsstrahl dringt durch reflexionsarmes Schott Amiran-Glas, welches als farbneutraler und nahezu unsichtbarer Werkstoff auch für Museumsvitrinen geschätzt wird. Auf Wunsch der Architekten wurden die Projektionsscheiben nicht geneigt montiert, sondern fügen sich lotrecht in die zum Saal weisende Front des monolithisch wirkenden Regieriegels ein. Nahe der Projektoren sind zwei Sony SRG-300SEC (fernsteuerbare PTZ-Farbvideokameras mit Full-HD-Auflösung und IP-Streaming) inklusive Fernbedieneinheit RM-IP10 installiert; zwei Teracue ENC-300-DVI Encoder werden für das hochschulinterne Streaming bzw. die Bildaufzeichnung herangezogen. Die drei Leinwände können mit unterschiedlichen Bildinhalten bespielt werden. Dabei wird oft drei Mal das gleiche
Bild projiziert, um Betrachtern im vollbesetzten Saal schräge Blickwinkel respektive eine auf Dauer unangenehme Haltung zu ersparen. Die Intensität des von außen durch die Fenster einfallenden Tageslichts lässt sich per Verschattung/Verdunklung beeinflussen.

„Wer billig kauft, kauft zwei Mal!”

Mit Liebe zum Detail wurden die formschönen Dozententische für das Otto Rettenmaier Audimax gefertigt. Die beiden Tische sind motorisch höhenverstellbar, so dass sie auch von auf Rollstühle angewiesenen Menschen uneingeschränkt genutzt werden können. Jeder Tisch verfügt über ein sauber in die Oberfläche eingearbeitetes Tischanschlussfeld mit einem von Wireworx entwickelten Retraktor-System; Details wie magnetische Schutzabdeckungen an den XLR-Buchsen sprechen für sich. Die Verblendung der Dozententischsockel lässt sich bei Bedarf abnehmen, woraufhin die Möbel unter Einsatz eines Gabelhubwagens vom Podium entfernt werden können.

Jörg Küster
Großes Dozentenpult

Das kleinere Rednerpult lässt sich ebenfalls aus dem Saal fahren, sofern es Sonderveranstaltungen erforderlich machen. Zuvor sind selbstverständlich die Kabel zu lösen, über welche die in Pult und Tische integrierte Medientechnik mit Bodentankanschlüssen verbunden ist. Als fest installierte Rednermikrofone finden im Audimax Shure MX418-Schwanenhalsmodelle Verwendung. Die Drahtlostechnik stammt ebenfalls aus dem Portfolio des US-amerikanischen Herstellers und ist dessen ULX-D-Serie entnommen. Digitales Audioprotokoll der Wahl ist Audinates Dante; das Netzwerk ist unter Einbindung von Cisco Switches aufgebaut. Als zentraler Audioprozessor wurde eine Yamaha DME-64N mit Dante-Karte gewählt. Zur medientechnischen Ausstattung des Otto  Rettenmaier Audimax zählen weiterhin Visualizer von WolfVision sowie Smart Podium Pen-Displays für Annotationen. Sofern Dozenten keinen eigenen Laptop mitbringen, können sie auf mit dem Hochschulnetzwerk verbundene PCs zurückgreifen. Die Crestron CP3-Mediensteuerung lässt sich über Touchpanels adressieren; die Raumtechnik ist via BACnet-Schnittstelle an die CP3 angebunden. Als DigitalMedia-Kreuzschiene fungiert eine Crestron DM-MD16X16-Matrix.

Jörg Küster
Das Touchpanel der Mediensteuerung

Auffällig sind in luftiger Höhe montierte ETC „Source Four“- Profilscheinwerfer mit LED-Leuchtmitteln, die mit ihren fokussierten Lichtkegeln zur Beleuchtung der Kreidetafeln gedacht sind, so dass Letztere bei einer Bildaufzeichnung ausreichend hell angestrahlt werden. Hochwertige Scheinwerfer dieses Typs finden sich sonst eher im Lichtkonzept von Shows oder Theatern. Hier wie an anderen Positionen wird deutlich, dass im Otto Rettenmaier Audimax bei der medientechnischen Ausstattung ausschließlich auf Markenkomponenten gesetzt wurde, die für den professionellen Dauereinsatz bestimmt sind. „Unter dem Strich rechnen sich die auf den ersten Blick vielleicht ein wenig teureren Markenprodukte, wenn man Aspekte wie Zuverlässigkeit,
Langlebigkeit und Ersatzteilversorgung mit einbezieht“, kommentiert Manuel Jurkitsch und weist darauf hin, dass Consumer-Produkte aus den bunten Werbeblättern der lokalen Elektrogroßmärkte den besonderen Beanspruchungen eines professionellen Einsatzes nicht gewachsen sind. Jurkitsch: „Wer billig kauft, kauft zwei Mal!“

Vorbereitet für die E-Klausur

Im mit angenehm viel Beinfreiheit ausgestatteten Hörsaalgestühl teilen sich jeweils zwei Sitzplätze eine Schukosteckdose und einen Netzwerkanschluss – bei der Planung wurde offenkundig bereits daran gedacht, dass die E-Klausur in naher Zukunft Standard werden könnte. In diesen Kontext passt die Beobachtung, dass jeder zweite Sitz individuell mit einer Nummer versehen ist, die Studierenden bei Klausuren fest zugewiesen werden kann – eine komplette Sitzreihe zwischen den nummerierten Plätzen wird bei Prüfungen als „Fremdinspirationsunterbindungslücke“
nicht besetzt.

Interessant ist, dass Menschen mit eingeschränktem Hörvermögen im Otto Rettenmaier Audimax nicht wie sonst üblich über Induktionsschleifen versorgt werden, sondern auf drahtlose PSM300 In-Ear-Monitoringsysteme von Shure zurückgreifen können; passende P3RA-Taschenempfänger werden Studierenden zu Semesterbeginn auf Anfrage ausgehändigt. Ein digitales Shure DDS 5900 Diskussionssystem kann im Audimax für Podiumsdiskussionen oder für die Übertragung von Dolmetscherton (hier wie dort mit portablen DIS DC 5980 P Sprechstellen) genutzt werden.

Repräsentative Visitenkarte

Das Otto Rettenmaier Audimax gefällt mit einer anspruchsvollen Architektur, und laut Hörensagen soll es Studierende an der Universität Stuttgart geben, die vom nahe gelegenen Campus Vaihingen ein wenig neidisch gen Hohenheim schauen. Vielerorts tritt zutage, dass die für Bau und Ausstattung zur Verfügung stehenden Mittel bestmöglich genutzt wurden, und für das Erscheinungsbild des neuen Hörsaals lässt sich vielleicht am besten die Vokabel „repräsentativ“ verwenden – Gisela Splett, Staatssekretärin im Finanzministerium Baden-Württemberg, spricht daher auch von einer „Visitenkarte für Exzellenz und Qualität in der Lehre“.

Es fällt auf, wie elegant die für den Betrieb erforderliche Technik in den Gesamtzusammenhang integriert wurde – hinsichtlich der architektonischen Umsetzung wie auch bezüglich der medientechnischen Ausstattung versteht das Otto Rettenmaier Audimax der Universität Hohenheim auf ganzer Linie zu überzeugen.


Projektbeteiligte (Auszug)

// Bauherr: Land Baden-Württemberg, vertreten durch den Landesbetrieb Vermögen und Bau Baden-Württemberg, Universitätsbauamt Stuttgart und Hohenheim

// Architekt: Deubzer König + Rimmel Architekten, München

// Technische Ausrüstung: Conplaning GmbH, Ulm

// Freianlagen: Landschaftsarchitekten Pfrommer + Roeder, Stuttgart

// Tragwerksplanung: Werner Sobek Stuttgart GmbH & Co. KG, Stuttgart

// Kunst am Bau: Sara F. Levin

// Planer Medientechnik: Wireworx Gesellschaft für audiovisuelle Medien mbH

// Errichter Medientechnik: mevis.tv GmbH


 

 

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