Industrie Designer und Ausstellungsgestalter Kurt Ranger über den Wandel von Bürowelten und Bürokultur

Vom Schreibkontor zum Hasenstall

Im Mittelalter, in dem das Schreiben und Lesen noch wenigen Gebildeten vorbehalten war, wurde in Schreibstuben, meistens in klösterlichen Scriptorien, mit penibelster Schrift auf wertvollem Pergament geschrieben. Um 1900, als das Lesen und Schreiben allmählich zur Allgemeinbildung gehörte, waren Bureaus noch der Minderheit von Beamten in den Verwaltungen, in den Regierungen und den wenigen Angestellten in den Geschäftszimmern von Unternehmen vorbehalten.

Kurt Ranger Ranger Design

Sie arbeiteten nicht selten in repräsentativen Bauwerken, in hohen Räumen an hölzernen Schreibtischen. Angestellte wollten und sollten sich auch äußerlich eindeutig von den Arbeitern abgrenzen, und so trugen sie stets saubere, ordentliche Kleidung, Ärmelschoner, gern Krawatte, um den Abstand zur öligen Welt der Produktion zu zeigen.

Mit der Erfindung der Schreibmaschine erhöhte sich schlagartig die Effizienz der Büros. Durch die Veränderung der Arbeitsprozesse verlagerte sich im Laufe der Zeit das Zahlenverhältnis von Arbeitern in der Produktion zu den in Büros sitzenden und mit Schreiben, Lesen, Rechnen und Besprechen tätigen Angestellten immer mehr. In den 50er-Jahren des letzten Jahrhunderts waren in Deutschland 80 % der berufstätigen Bevölkerung Arbeiter und 20 % Angestellte. Dann drehte sich das Verhältnis um. Mit dem Wandel der Arbeitswelt nahm die Zahl der sitzenden Tätigkeiten stark zu, aus dem Sonderfall der Bürotätigkeit wurde der Normalfall. Mit der Massenhaftigkeit der Bürotätigkeiten verschwand auch deren früherer gehobener Status.

Gleichwohl gibt es sehr verschiedene Vorstellungen, was ein Büro heute sein soll – bis hin zu der Vorstellung, es brauche gar keine Büros mehr. Im „Home Office“ lasse sich effektiver arbeiten. Nicht vergessen werden darf dabei die Tatsache, dass heute 61|% der Berufstätigen nicht in Konzernen, sondern in kleinen Betrieben mit weniger als 249 Mitarbeitern beschäftigt sind. Aber auch hier geht die Tendenz zu großräumigen Büros.

Raum kostet Geld, und deshalb gibt es in den USA schon seit den 60er-Jahren die Tendenz, relativ kleine Arbeitstische mit halbhohen Trennwänden zu umbauen und möglichst viele solcher Büromodule in große Räume zu stellen. Manche stören sich aber am Lärm und der Unruhe in diesen großen Räumen. Darüber hinaus gibt es eine Entwicklung hin zu Büros, bei denen die Mitarbeiter keinen eigenen Arbeitstisch mehr haben. Sie nehmen sich den Platz, der gerade frei ist. Wer mehr als eine halbe Stunde nicht am Platz ist, räumt seine Sachen in einen abschließbaren Schrank. Fürs Telefonieren gibt es akustisch isolierte Telefonkabinen, es gibt „Share & Discuss Space“, „Think Space“, „Converse Space“ und „Accomplish Space“. Und eine Unterzahl von Arbeitsplätzen im Verhältnis zur Mitarbeiterzahl.

Erfahrungsgemäß sind solche neuen Arbeitsplatz-Konzepte nicht einfach umzusetzen, weil sie gegen die tradierte Unternehmenskultur arbeiten. In Holland gibt es ein Unternehmen, das allen Mitarbeitern eine höchst individuelle Möblierung zugesteht: Vom Biedermeier-Sekretär bis zum modernen popfarbenen Möbel. Zwischen den Leitbegriffen Corporate Identity und Individualität hat man sich für diesen Wert entschieden. Die Ausgestaltung des Arbeitsplatzes, die umgebende Architektur und der Standort sind neben anderen Faktoren konkret ablesbare Kriterien fürs Wohlfühlen – oder auch nicht. Manche Unternehmen führen Umfragen durch und integrieren Fitnessbereiche ins Büro.

Die Möblierung von Büros ist in einem steten Wandel der Formen, Materialien und Funktionen. Durch die Informationstechnik und die dadurch notwendige Anbindung an Datenleitungen und Stromnetze sind Möbel heute stark technischen Funktionen unterworfen. Mobilität und Flexibilität sind Leitbegriffe dieser Kultur. Der Beleuchtung kommt eine immer größer werdende Aufgabe zu: Human Centric Lighting, das biologisch wirksame Licht, ergänzt die natürlichen Tagesabläufe des Sonnenlichts mit künstlichem Licht. Durch Beacons, Apps oder Infrarot-Sensoren können Bürofunktionen – wie der Belegungsgrad von Räumen und Energiesparmaßnahmen – intelligent vernetzt werden. In vielen Architekturbüros und Agenturen, großen und kleinen, gibt es lange Arbeitstischreihen, auf denen dutzende Bildschirme aufgestellt sind. Die optimale Ausnutzung von Raum ist erreicht. Häufig auch mit der Unterschreitung der entsprechenden Vorschriften für die Mindestfläche pro Arbeitnehmer. Auch wenn solche Tischketten manchmal in schicken Räumen aufgestellt sind, drängt sich doch der Eindruck auf, in einen Hasenstall geraten zu sein.

Neben dem Verlust an Exklusivität der Bürotätigkeit, von strengen Kleidungsvorschriften und sozialen, flacheren Hierarchien gibt es noch eine weitere, wesentliche Veränderung: den Verlust an Schreibkultur. Früher musste ein Brief das kommunikative Ziel in einem Wurf erreichen. Durch die Einführung der E-Mails kam es diesbezüglich zu einem heftigen Kulturbruch. Es ist heute möglich, höchst effektiv zu kommunizieren. Es ist aber auch möglich, unvollständige Inhalte in unvollständigen Zusammenhängen an viele Kommunikationspartner ohne klare Zuordnung zu versenden. Damit kann auch Geschäftigkeit vorgetäuscht werden, wo wenig Effizienz enthalten ist. So gesehen sind Büros auch Spiegelbilder unserer Zeit und unserer Gesellschaft im Wandel. Mit dem Fortschreiten der Digitalisierung wird bereits die nächste Evolutionsstufe angekündigt.


Autor: Kurt Ranger

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.