Opening Keynote zur Eröffnung der ISE 2018 des Architekten Carlo Ratti

ISE 2018: Wie sieht die Smart City der Zukunft aus?

Am Vorabend der Integrated Systems Europe (ISE) 2018 präsentierte der italienische Architekt Carlo Ratti, der am Massachusetts Institute of Technology (MIT) das Senseable City Lab leitet, vor nahezu vollem Haus seine Vision davon, wie das Internet of Things zunehmend unsere Städte digitalisiert und zu Smart Cities verwandelt. Eine Vision voller Denkanstöße, die aber bisweilen auch kritisch hinterfragt werden dürfen. 

Carlo Ratti auf der ISE 2018 in Amsterdam
Carlo Ratti hielt auf der ISE 2018 in Amsterdam die Opening Keynote.

Um eines gleich vorweg zu sagen: Carlo Ratti ist ein Mann der Zahlen und Daten, wie könnte es für einen Lehrenden am renommierten MIT auch anders sein. So liegt seinem Bild unserer künftigen Smart Cities auch eine ganz banale Zahlenreihe zugrunde: 2-50-75-80. Eine Zahlenreihe, die es laut Ratti zu verändern gilt – steht sie doch symbolisch dafür, dass die Städte lediglich 2 % der Erdoberfläche einnehmen und dennoch 50 % der gesamten Bevölkerung beherbergen. Tendenz in letzterem Punkt steigend. Gleichzeitig seien diese 50 % für 75 % des weltweiten Energiekonsums sowie 80 % des weltweiten CO2-Ausstoßes verantwortlich. Dabei ist Ratti überzeugt, das die Nutzung von Big Data bzw. der Daten aus dem Internet of Things dazu beitragen können, sowohl den Energiekonsum als auch den CO2-Ausstoß zu reduzieren. “Unsere Städte müssen nachhaltiger und bewusster werden und wir müssen lernen, den physikalischen Raum mit dem digitalen Raum zu verbinden.”

Sharingmodelle und Digitalisierung als Lösung für den Stadtverkehr
Als Beispiel in puncto Mobilität lässt Ratti wieder die Zahlen tanzen: So wurde beispielsweise anhand eines Datenmodells analysiert, wie viele Menschen in New York täglich von Manhattan zum Flughafen JFK reisen und umgekehrt. Aufgrund dieser Daten ist Ratti überzeugt, dass sich die Anzahl der Taxis auf den Straßen von New York um bis zu 40 % reduzieren ließe, wenn die Passagiere ihr Taxi mit anderen Reisenden teilen würden, die in derselben Richtung unterwegs sind. Ein Sharing-Ansatz, den viele US-Amerikaner und insbesondere New Yorker sicherlich erst einmal weit von sich weisen würden.

Ratti zeigte aber anhand des Beispiels San Francisco, dass ein solches Modell selbst in den USA praktikabel ist: Hier seien uberPool und ähnliche Apps sehr erfolgreich. Rattis Vision geht aber noch einen Schritt über dieses Sharing-Modell in Sachen Mobilität hinaus und erklärt, dass sich in Städten der Zukunft, in denen ausschließlich autonome Fahrzeuge unterwegs seien, der Verkehr sozusagen von selber regele. Keine Staus, keine Ampeln. Und auch das Parkplatzproblem sei dann keines mehr. Denn die autonomen Fahrzeuge der Sharing-Gesellschaft seien quasi ständig im Einsatz und würden kaum Parkplätze benötigen. Ein solches Modell soll laut Ratti in Signapur getestet werden.

Büro 4.0 heißt auch Flächen sinnvoll nutzen
Nun könnte man natürlich fragen, warum wir in Zukunft überhaupt noch ins Büro fahren, wenn die Arbeit doch sowieso digital ist. Wäre Homeoffice nicht auch eine einfache Variante, um den Verkehr in den Städten zu entlasten? Laut Ratti kann dies zu Teilen natürlich der Verkehrsentlastung dienen. Andererseits sieht er das Büro 4.0 vor allem als Ort für Teamarbeit und gedanklichen und kreativen Austausch – und nicht zuletzt Meetingort. Und dies müsse sich auch räumlich im Büro 4.0 widerspiegeln. Das Büro der Zukunft soll also offen sein und verbinden und nicht separieren. Gleichzeitig meint Ratti, dass sich das Büro 4.0 auch nach außen öffnen müsse und somit auch die Möglichkeit bietet, um draußen zu arbeiten, Meetings abzuhalten oder Präsentationen durchzuführen.

Vor allem aber plädiert Ratti dafür, die Flächen im Büro 4.0 sinnvoller und nachhaltiger zu nutzen, als dies derzeit meist der Fall ist. Wie verschwenderisch viele Bürogebäude heutzutage genutzt werden, zeigte Ratti natürlich auch anhand von Datenanalysen auf. Dementsprechend ließe sich enorm viel Energie beispielsweise in den Bereichen Licht, Heizung und Klima sparen, wenn die Gebäude so gestaltet und gesteuert werden, dass diese gemäß der Auslastungs- und Nutzungssituation eigenständig reagieren und Licht, Heizung und Klima etc. automatisch entsprechend anpassen können.

Autor: Claudia Rothkamp

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