Kolumne: Kurt Ranger über Sinn und Unsinn von "Interaktivität"

Was ist Interaktivität?

Ist es Interaktivität, wenn sich meine Katze morgens um 5 Uhr vor mir schnurrend rücklings auf den Boden legt, ihren Kopf an der Treppenstufe reibt, von mir gestreichelt wird, ich anschließend in der Küche Futter zubereite und dieses anschließend samt warmer Milch vor der Haustür zum Morgenmahl serviere?

Kurt Ranger Ranger Design
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Interaktivität bedeutet laut Duden Dialog und wird besonders häufig in der Psychologie benutzt. Dort steht der Begriff für die „Gesamtheit von Interaktionen“. Der Duden führt weiter aus, dass (computergeneriert) typische Verbindungen mit den Worten „Fernsehen, multimedial und digital“, weniger häufig mit „virtuell, Medium und Erlebnismuseum“ auftreten. Gleichzeitig erklärt Duden online: „Das Fernsehen ist noch weit davon entfernt, interaktiv zu sein.“ Was denn nun? Könnte es sein, dass der Begriff Interaktivität eher Wunsch als Wirklichkeit in den Medien, in der Welt der Kommunikation, ist?

Unter dem Begriff „Interaktive Objekte“ hat sich ein Zweig entwickelt, innerhalb dessen multitouchfähige Displays entweder durch Berühren von Überschriften, Symbolen oder durch das Auflegen von kleinen Objekten, auch durch Gestensteuerung, Interaktion entstehen lassen. Die Objekte lösen bestimmte Reaktionen auf den meist flach auf Tischen liegenden Bildschirmen aus und seien damit interaktiv. Aber eigentlich sind sie das nicht wirklich. Denn bei näherer Betrachtung können nur bereits hinterlegte Inhalte in unterschiedlichen Betrachtungsebenen abgerufen werden.

Ein gewisser Vorteil besteht darin, dass die Nutzer sich vorantasten können. Also nicht mit einer Überfülle von Informationen abgeschreckt werden. Ein Vergleich für Biertrinker: Lieber fünf Kölsch als eine Maß. Immer wieder fällt aber auf, dass in diesen „interaktiven” Medien durch konstruierte Pseudokomplexität Inhalte in untere Informationsebenen verschoben werden, um die Möglichkeiten der Technik aufzuzeigen. Klassische Grafik mit journalistisch gesetzten Überschriften, knappen Texten und illustrativen Elementen auf einen Blick hätte durchaus vergleichbare
kommunikative Qualität, wäre aber – scheinbar – nicht interaktiv. Was diesem System fehlt, ist die echte Rückkopplung der Besucher und die Veränderung von Inhalten durch diese.

Nicht selten ist die Meinung verbreitet, dass Interaktivität hergestellt ist, wenn Besucher einer Ausstellung beispielsweise durch das Öffnen von Schubladen, durch Drücken auf grafische Symbole auf Touchdisplays etc. „Aha-Effekte“ erleben und so ihr Wissen vergrößern. Dabei ist ein gelungener Kommunikationsraum, also eine Ausstellung, ein Besucherzentrum, eine Erlebniswelt, per se schon im Idealfall ein Erlebnis an sich: Durch Räume mit emotionaler und informativer Qualität können Besucher durch Begehung dieser Räume in ihrer eigenen Schrittfolge und im eigenen Zeitrahmen Erlebnisse und Erkenntnisse gewinnen. In einem knappen Fragebogen fand sich die Frage, ob die besuchte Ausstellung interaktiv sei. Gedacht war wohl, so die Vermutung, ob in ausreichender Qualität zu berührende Displays vorhanden seien? Ist ein kommunikativer Raum, der Besucher animiert, sportlich tätig zu werden, nicht auch interaktiv? Der Besucher miteinander
in Kontakt und ins Gespräch bringt, der motiviert, sich gestalterisch zu betätigen, der auffordert sich mit „use your own device“, also mit seinem Handy und der eingebauten Kamera in einem Raum vielfältig fotografisch und filmend zu betätigen? Ermöglichen solche Räume nicht auch, im Sinne der Soziologie, eine „Gesamtheit von Interaktionen“, also des Tätigwerdens und Handelns?

Wenn wir ein Theaterstück besuchen, begegnen wir auch einer seit Jahrtausenden bekannten Form der Unterhaltung. Brauchen wir immer Interaktivität? Oder reicht es aus, ein Schauspiel auf
sich wirken zu lassen? Wir setzen uns und lassen uns von der Handlung bespielen, vielleicht verzaubern, berühren, verärgern, verängstigen – oder auch langweilen. Vielleicht tuscheln wir mit unserer Begleitung und klatschen Beifall, manche Besucher verlassen türschlagend die Aufführung, andere buhen oder jubeln. Erwarten wir dort Interaktivität? Klar, die kann es in  Theaterstücken ein Stück weit geben, wenn sich die Handlung in den Zuschauerraum verlagert. Im Zirkus, besonders nahe an der Manege, ist es nicht ganz unwahrscheinlich, Teil des Geschehens zu werden und einem Clown zu assistieren. Bei römischen Schaukämpfen konnten die Zuschauer durch das Heben oder Senken ihrer Daumen über Leben und Tod von Gladiatoren entscheiden.

Ist Interaktivität in Kommunikationsräumen ein Wert an sich? Nein. Ist Beifall klatschen ein Dialog oder in Wirklichkeit nur eine Rückmeldung? Auch ein Gästebuch mit Kommentaren ist noch keine Interaktion. Brauchen wir also Interaktivität?

Ja, aber in sinnvoller und intelligenter Form! Zuerst braucht jeder Kommuniktionsraum Botschaften, Inhalte, Fakten, Informationen, präsentiert mit Witz, Sinnlichkeit und mit emotionaler Qualität. Eine sehr bewährte Form interaktiver Qualität ist die persönliche Führung, die auch Zeit für Fragen lässt. Eine Besucher führende Person wird sich immer, wenn sie ihr Metier beherrscht, auf die zu führenden Besucher einstellen. Sind es Schüler, in welchem Alter und in welcher Schule, sind es Senioren, in welcher Sprache wird gesprochen und in welcher Komplexität? Welche Themenschwerpunkte innerhalb eines Hauptthemas können gesetzt werden? Ein interaktiver Kommunikationsraum der Zukunft sollte ähnlich strukturiert sein wie eine intelligente Besucherführung: mehrsprachig, Schwerpunkte bildend, vertiefend, eine intelligente Kommunikationsmaschine. Das Problem dabei ist, dass unter Umständen viele Besucher gleichzeitig in einem Raumbereich sind und sich für andere inhaltliche Vertiefungen interessieren.

Sicherlich kann die Weiterentwicklung der KI, der künstlichen Intelligenz, hier Hilfestellungen geben. Systeme der KI arbeiten mit der Erfassung von Daten und der Erstellung von Wahrscheinlichkeiten, von vermutlich erwartbarem Nutzerverhalten. Eine Supermarktkette in Großbritannien hat ihre Einkäufe automatisiert auf KI umgestellt und damit das Problem von frischen Waren und der Überziehung von Verfallsdaten durch zu geringen Abverkauf von knapp 10 % auf unter 3 % reduziert. Ersetzen wir den Begriff „Frischware“ durch „benutzerorientierte Information“. KI-gesteuerte interaktive Räume könnten präzise Informationen aus einer großen Menge von zur Verfügung stehenden Daten anbieten. Diese durch künstliche Intelligenz gesteuerten Kommunikationsräume müssen natürlich tatsächlich intelligent sein. Also nicht so, wie unser heutiges Internet-Anzeigen-System funktioniert: Einmal ein Zimmer
in New York gesucht und gebucht, dann folgen sechs Monate lang Anzeigen von Hotels aus dieser Stadt.

Entscheidend für die sinnvolle Qualität von Interaktivität ist auch das inhaltliche Thema eines Kommunikationsraumes selbst. Ein historisch abgeschlossenes Thema eignet sich weniger für ein interaktives Konzept als ein politisches Thema, wie etwa der Klimawandel. Ein solches Thema erzwingt eigentlich eine dialogische, demokratische, sich verändernde und diskursive Form der Präsentation. Wer echte Interaktivität will, muss auch zulassen, dass eigene Sichtweisen und Inhalte eingebracht werden. Und solche kommunikativen Räume brauchen völlig andere Konzepte
und nicht nur Touchscreens mit mehr oder weniger Pseudo-Interaktivität.

Vergessen wir eines nicht: Unser menschliches Gehirn ist ein ungemein komplexer Apparat an Wissen, Verhaltensweisen, Ahnungen und Gefühlen. Deshalb bleibt die Erkenntnis: Die eigentliche Interaktivität entsteht im Kopf der Besucher und Nutzer.

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