Viel Licht statt Blackbox im Museum - Teil 2

Tirpitz Museum: Viel Tageslicht und Projektion

Ein Museum, das viel Tageslicht hereinlässt und seine Inhalte dennoch verstärkt per Projektion in Szene setzt? Was zunächst als unrealistischer Gegensatz erscheint, zieht im dänischen Tirpitz Museum seine Besucher in den Bann. Ein Blick in die Dauerausstellung “Geschichten der Nordseeküste”. 

Die „Türen“ zu den Ausstellungsräumen im Tirpitz Museum bestehen aus zwölf Tonnen schweren Metallwänden. Sie können die Räume wahlweise trennen oder verbinden.

BIG – Bjarke Ingels Group / Rasmus Hjortshøj

Die „Türen“ zu den Ausstellungsräumen im Tirpitz Museum bestehen aus zwölf Tonnen schweren Metallwänden. Sie können die Räume wahlweise trennen oder verbinden.

Bei der Architektur des Tirpitz Museums (siehe Teil 1) hat das Architekturbüro Bjarke Ingels Group auf Sand, Beton, Stahl und Holz gesetzt. Und auch im Inneren des Tirpitz Museums sind diese Materialien tonangebend. Vom Eingangsbereich aus führt eine Stahltreppe nach unten in einen dunkel gehaltenen Raum, der komplett in Metallflächen gehüllt ist – vom Boden über die Wände bis hin zur Decke. Von diesem sind die vier lichtdurchfluteten Ausstellungsräume zugänglich, von denen einer für Wechselausstellungen vorgesehen ist, während die übrigen drei Räume thematisch sehr unterschiedliche Dauerausstellungen beherbergen. Insbesondere die Lichtverhältnisse waren für Ausstellungsgestalter und Szenografen des niederländischen Unternehmens Tinker Imagineers eine besondere Herausforderung. „Wir sind Experience Designer und spielen daher gerne und viel mit Licht“, erklärt Gijs Leijdekkers von Tinker Imagineers.

„Das ist in einer Blackbox unproblematisch, hier im Tirpitz Museum sahen wir uns aber mit diesen riesigen Fensterfronten und ständig wechselndem Tageslicht konfrontiert. Daher haben wir uns entschieden, sowohl das Tageslicht spielerisch zu nutzen als auch inszeniertes Licht in Kombination mit verschiedenen Verdunkelungslösungen.“ Dabei fallen diese Inszenierungen nicht nur völlig unterschiedlich aus, sondern sie beziehen auch die Architektur des Gebäudes individuell mit ein. Gleichzeitig folgt jede einzelne Szenografie aber dem übergreifenden architektonischen Leitbild, den Rhythmus der Natur einzufangen, indem eine szenische Reise durch Zeit und Raum in Westjütland inszeniert wird.

Bei Tageslicht werden die „Geschichten der Nordseeküste“ im Tirpitz Museum durch eine Projektion auf zwei Wände atmosphärisch untermalt.

Claudia Rothkamp

Bei Tageslicht werden die „Geschichten der Nordseeküste“ im Tirpitz Museum durch eine Projektion auf zwei Wände atmosphärisch untermalt.

Videomapping macht Geschichten der Westküste lebendig
Am augenscheinlichsten ist dies in der Dauerausstellung „Geschichten der Nordseeküste“: Gemeinsam mit dem ebenfalls niederländischen Unternehmen Kloosterboer Decor, das für den Bau der Ausstellung und die Integration der audiovisuellen Technik zuständig war, hat Tinker Imagineers hier eine abstrakte, künstliche Dünenlandschaft geschaffen, deren Mittelpunkt ein begehbares altes Rettungsboot bildet. Bei Tageslicht sind die einzelnen Dünen Ausstellungsstationen, die verschiedene Geschichten aus der Historie und dem Alltag der dänischen Westküste erzählen – von Mammuts der Urzeit über das frühe Blåvand mit Zauberern und dem Schmuggler-Wirtshaus bis hin zu den Helden des Meeres und dem blühenden Campingleben der 1970er Jahre. Um die passende „Meeresstimmung“ zu schaffen, wird die Ausstellung durch eine Projektion auf zwei Wände atmosphärisch untermalt: Per Videomapping zeigt sich hier die Nordsee von ihrer freundlichen Seite – begleitet von den entsprechenden „Meeressounds“.

Alle 30 Minuten rückt die Projektion jedoch in den Vordergrund und der Raum verwandelt sich für die Dauer von etwa zehn Minuten in eine Art 4D-Kino: Die großen Fensterflächen werden automatisch verdunkelt, das Licht und die multimedialen Exponate im Raum im gleichen Takt abgedimmt, der Sound erhöht und auch filmisch fällt die Nacht über das Meer. Die Besucher, die im Rettungsboot Platz nehmen können, kommen nun in den Genuss einer Show, die mit insgesamt elf Projektoren nicht nur auf die Wände, sondern ebenfalls auf die Decke und die einzelnen Dünen im Raum projiziert wird. Begleitet wird der Film, der sich thematisch mit stimmungsvollen Szenen und Geschichten der Westküste befasst, von der passenden Soundscape sowie verschiedenen 4D-Effekten wie Wind und Duft.

Alle 30 Minuten verwandelt sich der Ausstellungsraum in eine Art 4D-Kino.

Tirpitz Museum / Mike Bink

Alle 30 Minuten verwandelt sich der Ausstellungsraum in eine Art 4D-Kino.

Von der Idee zur Verwirklichung mit Virtual Reality
Da die Ausstellung und die Show sozusagen parallel zum Gebäude entstehen mussten, hat Tinker Imagineers im Lauf des Projekts ein Virtual-Reality-Modell des Ausstellungsraums erstellt. „Auf diese Weise hatten wir die Möglichkeit, unsere Ideen für die Projektion und ihre Wirkung im Raum zu testen“, erzählt Gijs Leijdekkers. „Wir konnten uns den Film aus verschiedenen Perspektiven ansehen oder zum Beispiel ausprobieren, ob die Deckenprojektion so wirkte, wie wir es wollten. Letztlich haben wir also überwiegend für unseren internen Gebrauch mit Virtual Reality gearbeitet, aber es war natürlich auch hilfreich für Präsentationen beim Kunden.“ Tatsächlich hat Tinker Imagineers das komplette 3D-Modell des Tirpitz Museums in eine Virtual-Reality-Version übertragen, um schon vor Fertigstellung des Neubaus ein Gefühl für das Gebäude zu bekommen.

Projektion auf Beton 
Das war umso wichtiger, da eine klare Vorgabe des Museums war, dass die Ausstellungen die Qualitäten der Architektur hervorheben sollten. „Aus diesem Grund kommt für die Projektionen im gesamten Tirpitz Museum auch keine Leinwand zum Einsatz“, betont Mette Bjerrum Jensen, Leiterin des Tirpitz Museums. „Indem wir auf den nackten Beton projizieren, wird die Architektur Teil der Ausstellung und umgekehrt. Dass die Bildqualität dadurch etwas geringer ist, ist aus meiner Sicht kein Nachteil. Vielmehr verleiht es Raum und Film einen speziellen Charakter.“ Gijs Leijdekkers nennt einen weiteren Grund für den Verzicht auf Leinwände: „Wir möchten den Besuchern nicht das Gefühl vermitteln, in einer technologisch komplizierten Ausstellung zu sein. Vielmehr wollten wir die Technik so in die Ausstellungen integrieren, dass es sich fast natürlich anfühlt.“ Dieses Prinzip zieht sich durch das gesamte Tirpitz Museum. Überall dort, wo mit Projektionen gearbeitet wird, dienen die architektonischen Gegebenheiten direkt als Projektionsfläche.

Autor: Claudia Rothkamp

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