Projection Mapping setzt Kunstwerke im Atelier des Lumiéres in Szene

Kunst als immersives Erlebnis

In einer ehemaligen Gießerei mitten in Paris findet die Malerei von Gustav Klimt, Egon Schiele und Friedensreich Hundertwasser auf Innenwänden statt – und zwar ohne physische Präsenz der Originalbilder. Stattdessen soll eine multimediale „immersive“ Inszenierung per Projection Mapping den Besuchern die Kunst nahe bringen …

Kunstwerke im Atelier des Lumiéres Culturespaces/Eric Spiller

Die Werke berühmter Maler als Multimedia-Show zu inszenieren – das klingt zunächst einmal nach Sakrileg. Ist es möglich, die speziellen Farben, Formen, Pinselstriche und andere Eigenheiten, die den Künstler ausmachen, elektronisch zu vermitteln? Und das auch noch mit Sound untermalt? Genau das geschieht im Pariser Atelier des Lumiéres. In dieser ehemaligen Gießerei inmitten der Stadt inszeniert die Agentur Culturespaces (siehe Kasten S. 41) das Schaffen berühmter Maler bzw. zeitgenössischer Künstler – derzeit werden Werke von Gustav Klimt, Egon Schiele und Friedensreich Hundertwasser in Szene gesetzt. Nicht etwa in Standbildern, wie bei einer Diaprojektion, sondern in Form von höchst lebendigen Animationen, die via Projection Mapping auf die Innenwände mit einer Oberfläche von ca. 3.300 m2 projiziert werden.

Die Innenarchitektur spielt eine zentrale Rolle für die Ausstellungsgestaltung

Das Altelier des Lumiéres ist aus der Eisengießerei Plichon entstanden. Der Bau aus dem 19. Jahrhundert – im 11. Arrondissement zwischen Bastille und Nation gelegen – wurde entkernt und restauriert. Dabei wurde die monumentale Innenarchitektur mit ihren 10 Meter hohen Wänden in ihrer ursprünglichen Metallstruktur und ihrem industriellen Charakter belassen, welche die gesamte Halle umfassen. Für die Betreiber sind dies ideale Voraussetzungen für ihr „digitales Experiment“.

Der Ausstellungsbereich ist zweigeteilt: In der großen und verwinkelten Halle („La Halle“) wird ein digitaler Ausstellungszyklus projiziert, wobei der längere Part, der sich den großen Werken der Künstler widmet, mit einem kurzen, zeitgenössischen Programm abwechselt. Im kleineren Studio hingegen, einem separaten Raum mit Barbetrieb, können Besucher bekannte oder aufstrebende Talente entdecken. Beide Räume sind fensterlos. La Halle bietet den Besuchern unterschiedliche monumentale Innenstrukturen, beispielsweise den Kamin, den Trockenturm oder ein ehemaliges Kühlbecken und einen Wassertank, die samt und sonders in die digitale Inszenierung integriert werden. Zudem verfügt die Halle über eine Empore, die den Blick in die Halle und auf die gesamte Ausstellung ermöglicht.

Ausstellungsbereich „La Halle“ Culturespaces/Eric Spiller
Der große Ausstellungsbereich „La Halle“ verfügt über eine Empore, die den Blick auf die gesamte Ausstellung bietet.

Projektion und Sound bestimmen die Inszenierung

Inhaltlich geht es darum, den Besucher auf eine Reise in die Kunstgeschichte mitzunehmen, in der das Schaffen der jeweiligen Künstler exemplarisch durch die Animationen lebendig wird. Dabei wird die Arbeit des Künstlers unter verschiedenen Aspekten betrachtet, die dem Künstler wichtig waren, z. B. bei Klimt dessen Beziehung zur Natur und zu Frauen oder seine Verwendung von Gold und dekorativen Ornamenten. Zudem wird ein Bezug zu der Zeit hergestellt, in welcher der Künstler lebt(e), etwa die Zeit der Jahrhundertwende im K&K-Wien bei Klimt und Schiele. Die Inszenierung ist immersiv – sie zieht also den Zuschauer/ Zuhörer mitten in das digitale Geschehen und lässt ihn zum Teil der Inszenierung werden. Sie findet visuell in Form von Projektionen auf der gesamten Oberfläche der Halle statt

  • Wände, Boden, Decken, Nischen sind mit einbezogen. Der Besucher scheint sich mitten in der Show zu befinden
  • und das nicht nur visuell. Musik, Stimmen und Geräusche umhüllen ihn durch das spezielle „Spatial Sound“-System wie eine Art Klangteppich, was diese räumlich hörbar macht. Die Besonderheit der Inszenierung ist es, die typischen Elemente im Wert des Künstlers – wie Ornamente oder Goldflitter bei Klimt oder die organischen Strukturen „ohne Ecken“ oder das Element „Wasser“ bei Hundertwasser
  • zu animieren und zusammen mit bekannten Gemälden, die diese Elemente beinhalten, zu „bewegen“ oder in neuen Rahmen erscheinen zu lassen.
monumentale Innenarchitektur mit ihren 10 Meter hohen Wänden Culturespaces/Eric Spiller
Die monumentale Innenarchitektur mit ihren 10 Meter hohen Wänden wurde in ihrer ursprünglichen Metallstruktur und ihrem industriellen Charakter belassen.

Dabei ergibt sich immer ein Gesamtbild. Ergänzt wird die Performance durch ausgewählte Musik, die zur Epoche und zum jeweiligen Aspekt passend ausgesucht wurde. Der Soundtrack von Luca Longobardi umfasst Werke von Wagner, Beethoven, Strauss, Mahler und Lehar, die bei den Sektionen von Klimt und Schiele zu hören sind, sowie zeitgenössische Kompositionen des Kronos Quartet und Longobardi zur Hunderwasser-Performance. So umschmeichelt den Zuhörer eine Operettenarie von Lehar, wenn die Frauenbildnisse Klimts erscheinen; bei Hundertwasser intoniert elektronische Musik fallende Wassertropfen. Diese – immer stimmige – Geräuschkulisse umhüllt die Zuschauer wie eine Klanglandschaft.

Eingangsbereich des Atelier des Lumiéres Helga Rouyer-Lüdecke
Eingangsbereich des Atelier des Lumiéres: Selbst an einem Wochentag außerhalb der Schulferien gibt es relativ hohen Besucherandrang.

Die gesamte Performance verläuft nonverbal. Lediglich drei tonnenartige Infotische, die sich in einem begehbaren Zylinder inmitten der Halle befinden, bieten zusätzliche Informationen: Durch Handauflegen auf die Tischoberfläche lassen sich historische Videofilme zum jeweils präsentierten Künstler abrufen. Auf der Rückseite einer Trennwand auf der Empore finden sich zudem Plakate mit grundlegenden Informationen über jede Performance.

Innenarchitektonische Strukturen und Proportionen als Herausforderung

Der Inszenierung zugrunde liegt das sogenannte AMIEXKonzept der Agentur Culturespaces – AMIEX steht hierbei für „Art & Music Immersive Experience“. Es kombiniert ein den Besucher umhüllendes Projection Mapping auf die Innenflächen des Ausstellungsortes mit einer immersiven Sound-Installation, die den Raumklang erzeugt. Die animierten Inhalte für eine AMIEX-Ausstellungen werden jeweils aus mehreren tausend HD-Bildern mithilfe spezieller Software zusammengestellt. Die große Herausforderung bei der Umsetzung im Atelier des Lumiéres bestand laut Gianfranco Iannuzzi, verantwortlich für das künstlerische Konzept der Ausstellung, in der Anpassung der Inhalte auf die ungewöhnlichen Strukturen und Proportionen des Ausspielortes sowie in der Umsetzung auf eine der weltweit größten Multimedia-Installationen. So mussten 8 Meter lange und 10 Meter hohe Wände sowie Zylinderoberflächen u. ä. bespielt werden.

Adaptiert wurden die Inhalte dabei per Software pixelgenau – mithilfe eines digitalen Modells der zu bespielenden Oberflächen. Zu diesem Zweck hat das Kreativ-Team von Culturespaces um Gianfranco Iannuzzi eng mit dem Team der Firma Modulo Pi als technischem Gegenpart zusammengearbeitet. Modulo Pi ist Hersteller des Medienserver- Systems Modulo Pi, mit dessen Spezialsoftware diese Anpassung vorgenommen wurde. Mit der visuellen Performance ist auch der Raumklang koordiniert, der durch Einsatz spezieller Technik erzeugt wird, welche Software, leistungsstarke Rechner und eine Vielzahl geeigneter Lautsprecher – in diesem Falle über 40 – miteinander kombiniert. Dabei lassen sich schallerzeugende Objekte im Raum positionieren, so dass eine realistische Übereinstimmung zwischen dem visuellen und akustischen Geschehen möglich wird. Zudem kann jeder beliebige Raumeindruck so realitätsnah wiedergegeben werden, als würde sich der Zuhörer inmitten des akustischen Geschehens befinden.

Drei tonnenartige Infotische in einem begehbaren Zylinder bieten zusätzliche Informationen in Form von historischen Videofilmen Culturespaces/Eric Spiller
Drei tonnenartige Infotische in einem begehbaren Zylinder bieten zusätzliche Informationen in Form von historischen Videofilmen.

Culturespaces & Modulo Pi

Culturespaces veranstaltet, vermarktet und betreibt seit mehr als 25 Jahren Events und Ausstellungen in Baudenkmälern, Museen, historischen Orten und Kunstzentren im Auftrag von öffentlichen Einrichtungen bzw. lokalen Behörden. Laut eigenen Angaben ist die Agentur diesbezüglich mit 3 Mio. Besuchern pro Jahr das führende Privatunternehmen in Frankreich. Zu den Ausstellungsorten zählen z. B. das Schloss von Les Baux-de-Provence, in dem die erste immersive Kunstinszenierung nach dem AMIEX-Konzept stattfand, die Cité de l’Automobile, Mulhouse, das Amphitheater in Nîmes, das Museum Maillol, Paris, und das Atelier des Lumières, Paris. Modulo Pi, gegründet 2010, ist Hersteller von computerbasierten Medienserver-Systemen und arbeitet mit internationalen Agenturen für den kreativen Einsatz von Projektion zusammen. Der Gründer und CEO Yannick Kohn ist seit mehr als 15 Jahren in Sachen Mediaserver und Projection Mapping unterwegs. Das Unternehmen bietet zwei Systemlinien an: Modulo Player und Modulo Kinetic, Letzteres kam im Atelier des Lumiéres zum Einsatz. Die Medienserver sind für den Einsatz bei Events, Themenparks und Museen o. Ä. konzipiert.

Wichtige Faktoren für die Laserprojektion

Die Medienserver steuern im Alltagsbetrieb auch die Videoprojektoren, welche die Inhalte ausspielen – im Atelier des Lumiéres sind es mehr als 130. Eingesetzt wurden hierbei relativ kompakte, aber leistungsstarke Laser-Projektoren, die unauffällig auf einem Traversen-System montiert sind. Die Zuspielung der Inhalte erfolgt über Faseroptik-Leitungen. Die Projektoren werden derart koordiniert, dass aus den vielen Einzelbildern, die jeder Projektor liefert, ein gemeinsames Bild ohne sichtbare Übergänge von einem Projektor zum anderen entsteht. Dabei müssen sowohl die „Nahtstellen“ von Projektor zu Projektor geschickt verblendet werden als auch die Farbwiedergabe der Projektoren untereinander abgeglichen werden. Auch geometrische Verzerrungen, die normalerweise durch die Projektion auf dreidimensionale Elemente erzeugt werden, müssen eliminiert bzw. optisch ausgeglichen werden. Zudem steuert das System von Modulo Pi spezielle Effekte, wie die Projektion auf den flachen Wasserspiegel im ehemaligen Kühlbecken oder die Infofilm-Projektionen im Inneren des Zylinders.

TecSpecs

Im Atelier des Lumiéres kommen u. a. folgende Produkte zum Einsatz:

  • 130 Laser-Videoprojektoren vom Typ Barco PGWU-62
  • 35 Modulo Kinetic von Modulo Pi
  • 33 Lautsprecher vom Typ Nexo ID24
  • 11 Subwoofer vom Typ Nexo ID S110
  • 1 Audioprozessor vom Typ Yamaha MRX 7D
Die animierten Inhalte für eine AMIEX-Ausstellung aus mehreren tausend HD-Einzelbildern mithilfe spezieller Software Culturespaces/Eric Spiller
Die animierten Inhalte für eine AMIEX-Ausstellung werden jeweils aus mehreren tausend HD-Einzelbildern mithilfe spezieller Software zusammengestellt.

Neues Format für die Kunst?

Man kann sich trefflich darüber streiten, ob die Performance im Atelier des Lumiéres eine Ausstellung von Original-Gemälden ersetzen kann. Unbestritten ist jedoch, dass die Inszenierung für Besucher aller Altersgruppen und sozialen Herkunft einen Zugang zum komplexen Schaffen des Künstlers mit zeitgemäßen Mitteln ermöglicht. Es wurde bewusst auf umfangreiche Erläuterungen verzichtet – der Zugang zum Künstler erschließt sich nicht über den Verstand, sondern über die Sinne und Emotionen. Die Show macht neugierig auf den Künstler und sein Schaffen, und der geneigte Besucher wird mehr darüber erfahren wollen. Damit ist diese Art von Inszenierung gerade für Menschen geeignet, die sich bisher nicht mit Malerei befasst haben. Die Besucher reagieren auf jeden Fall positiv – vielfach applaudieren sie nach jeder künstlerischen Darbietung. Darüber hinaus bietet die Inszenierung auch modernen, digitalen Kunstformaten wie den Animationen der jungen Künstleragentur Ouchh (www.ouchh.tv) die Möglichkeit, adäquat dargestellt zu werden.


Autorin: Helga Rouyer-Lüdecke

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