Interview mit Uwe R. Brückner über die Chancen und Risiken bei Projection Mapping

Dynamisierung statischer Situationen

Projection Mapping wird immer beliebter – ob als Eventinszenierung, Kunstobjekt oder Marketingbotschaft, der Trend zur Projektion auf Fassaden und Objekten nimmt dabei immer größere Ausmaße an. Ganze Festivals widmen sich dieser Gestaltungstechnik; auch an Hochschulen findet das Thema vermehrt Einzug in die Lehrpläne. Als einer der Vorreiter gilt das Atelier Brückner. Für deren Projekte kommt das Projection Mapping schon seit fast 20 Jahren zum Einsatz. Wir sprachen mit Prof. Uwe R. Brückner, Kreativdirektor des Atelier Brückner und Pionier der Szenografie-Szene, über die Vor- und Nachteile sowie Besonderheiten und Grenzen von Projection Mapping.

Belebung von Objekten durch filmische Sequenzen auf dem „Zentralen Platz“ im Zentrum des BMW Museum in München (Bild: marcus.meyer@fotoetage.de)

Als Projection Mapping (oder auch Videomapping) bezeichnet man eine Projektion auf ein bestimmtes Objekt oder eine Fassade. Dabei wird die Projektion pixelgenau an die zu bespielende Oberfläche angepasst; durch Verändern der Projektion mittels Software lassen sich optische Illusionen erzeugen, die das Objekt scheinbar verändern. Häufig findet diese Technik an Gebäuden und in Kombination mit Audiobeschallung statt und kommt so als Inszenierung bei Events zum Einsatz. Aber auch viele Museen bedienen sich mittlerweile dieser Technik, um Ausstellungsstücke
erlebbar zu machen. So erwachen uralte Exponate zu neuem Leben und können in gewisser Weise ihre eigene Geschichte erzählen.

Herr Brückner, was ist für Sie das Besondere an Projection Mapping?

Gutes Projection Mapping erlaubt Einsicht in das Innenleben von Objekten oder Architekturen und ermöglicht das Erzählen von innen nach außen. Ein gutes Beispiel für die Belebung von Objekten durch filmische Sequenzen ist der „Zentrale Platz” im Zentrum des BMW Museum in München (mit Tamschick Media&Space, 2008). Der 13 Meter hohe, mit Brücken durchzogene
Raum ist von einer Mediatektur umgeben – einem Hybrid aus Architektur und Medien. Die Architektur wird mittels 1,7 Millionen LEDs, die hinter satinierten Glaswänden angebracht sind, entmaterialisiert. Durch Projection Mapping entsteht für einen Moment die Illusion, der Raum würde sich in Bewegung setzen.
Wie hochkomplexes Wissen einer Institution nach außen, also an den Besucher, kommuniziert werden kann, zeigt das Besucherzentrum CERN – Universe of Particles in Genf (mit Tamschick Media&Space, 2010). Das schwer verständliche Thema der Teilchenphysik zu vermitteln, gelingt durch die Übertragung der wissenschaftlichen Schaubilder und Grafiken in einen medialbespielten, sphärischen Raum, der den Besuchern die Welt extremer Maßstäbe, der Elementarteilchen – vergleichbar mit dem Sonnensystem – erklärt. Ein 24 qm großes Display zeigt die Teilchenkollisionen des Large Hadron Colliders in Realzeit – die Projektion überträgt sich durch Spiegelungen auf den gesamten Raum. Intuitiv löst das Raumerlebnis Faszination für das Thema
beim Besucher aus – trotz aller Komplexität.

Prof. Uwe R. Brückner Atelier Brückner
Prof. Uwe R. Brückner setzt auch Projektion Mapping in diversen Projekten ein

Seit wann kommt diese Technik bei Ihrer Arbeit zum Einsatz?

Seit der Expo 2000 in Hannover. Dort hatten wir in Zusammenarbeit mit der Filmakademie Baden-Württemberg und dem Schweizer Lichtplaner Rolf Derrer den Themenpark Umwelt geschaffen, ein begehbarer Film auf 6.200 m2. Die Besucher durchliefen einen Parcours aus verschiedenen Landschaftszonen: von der Entstehung der Welt und Klimazonen über einen sogenannten Wasserkorridor, einen 40 Meter langen Flur mit projizierten Wasseraufnahmen, eine Waldzone hin zu einer ländlichen Zone und letztlich der Stadt. Die Umwelt ist eine schwer greifbare Größe, die alle Lebensbereiche betrifft. Die Filmausschnitte halfen, die realen Umweltfaktoren abstrakt in surrealen Raumsujets für die Besucher erfahrbar zu machen. Durch die Filmprojektionen im Raum verwandelten sich die Räume zu überdimensionalen Bühnen der Natur.

Wo sehen Sie die großen Vorteile des Projection Mappings?

Die Vorteile liegen ganz klar in der überraschenden Überlagerung von verschiedenen Erzählebenen, vom Zusammenspiel realer Dinge oder Räume mit deren virtuellen Potenzialen. Durch Projection Mapping erreichen wir eine Dynamisierung statischer Situationen sowie die Immersion durch Narration – die Dinge zum Sprechen zu bringen. Wie das sehr eindrücklich gelungen
ist, zeigt die Inszenierung des ersten Teilchenbeschleuniger im CERN (Team von Rolf Landua).

Michael Jungblut
Mediale Bespielung im Besucherzentrum Cern

Gibt es auch Nachteile?

Nachteile nicht direkt … Aber bei kommerziellen Events werden die Überlagerungen der Erzählebenen oft als banale Showeffekte missbraucht. Die Chance auf künstlerischen Mehrwert wird dabei vertan. Content und kontextlose Applikationen reißerischer Images missbrauchen immer wieder selbst öffentliche Gebäude wie beispielsweise das Brandenburger Tor zu Werbezwecken.

Gab es Momente, in denen Sie Grenzen von Projection Mapping erfahren haben?

Projection Mapping verlangt konsistente Inhalte, Präzision in der Umsetzung und tiefe Dunkelheit für die Darstellung. Und es sollte einen Bezug zur Location oder zum Projektionsobjekt haben. Häufig sind diese Grundvoraussetzungen aber nicht gegeben, insofern also gewissen Grenzen erreicht.

Viele Überlegungen scheitern oft am verfügbaren Budget – würden Sie sagen, eine Investition in ein Projection-Mapping-Projekt lohnt sich dennoch?

Alle Projektionen sind letztlich budget- und dimensionsabhängig. Zudem sind sie oft noch technisch aufwendig, was das Equipment angeht, sowie teilweise sehr arbeitsintensiv, was die Software oder Inhalte angeht. Projection Mapping lohnt sich immer dann, wenn dieser Medieneinsatz einen Mehrwert an Narration und Erlebnis bedeutet.

In einem Ihrer Vorträge (Symposium: Genius Loci Talk, 11.8.18 Weimar) sprachen Sie von kontextuellem Bezug zwischen Ort und Content, der niemals fehlen darf …

Genau. Als besonders eindrücklich habe ich Projection Mapping immer dann empfunden, wenn eine Kontextualisierung mit dem Ort stattgefunden hat, also auch eine inhaltliche Symbiose mit vorhandenen und den applizierten Inhalten oder Motiven. Mein Lieblingsbeispiel dafür ist „555 Kubik” von Urbanscreen, der Bespielung der Galerie der Gegenwart in Hamburg 2009.

Was denken Sie, wo liegt die Zukunft hybrider Räume?

Überhaupt, denke ich, leben wir im Zeitalter hybrider Inszenierungen – das heißt in einer Gestaltungsphase, in der sich Realität (Objekt, Raum, Ort) und Virtualität (Narration, Digitalisierter Content) im besten Fall symbiotisch bedingen – also eine Beziehung eingehen, die sich gegenseitig bedingt und dadurch Unverwechselbarkeit erzeugt. Ich glaube auch an hybride Räume, solange unsere physische Präsenz gefragt ist, wir als reale Personen adressiert sind, also alle Sinne angesprochen werden – dann hat eine virtuelle Installation auch immer eine reale Wirkung

Weitere Abbildungen von Projection Mapping in Ausstellungen finden Sie in der Printausgabe 1.2019 von KommunikationsRaum. zum Kaufen und Downloaden.

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