Raumwelten 2019 - Interview mit Greg Lynn

Szenografie mit VR und AR

Die Veranstaltung “Raumwelten” 2019 beschäftigt sich als Plattform für Szenografie, Architektur und Medien dieses Jahr mit dem Thema „Vermessen! Maß und Maßlosigkeit in der räumlichen Inszenierung“. Die KommunikationsRaum.-Redaktion konnte einen der Hauptredner für ein Interview gewinnen: Greg Lynn ist Architekt und Philosoph aus Los Angeles, USA und Experte für AR-Anwendungen in der Architektur.

Greg Lynn, einer der Keynote-Speaker der Raumwelten 2019. Das Time Magazine erklärte ihn 2001 als einen der „100 innovativsten Menschen der Welt des 21. Jahrhunderts“. (Bild: Greg Lynn)

Zum achten Mal bietet Raumwelten mit einem breit gefächerten Programm ein Podium für Fachpublikum und die interessierte Öffentlichkeit. Vorgestellt und diskutiert werden Projekte, Entwicklungen und Denkansätze, die sich mit Szenografie, Architektur und digitalen Medien beschäftigen. Greg Lynn ist einer der Hauptredner – sein Vortrag am 15. November 2019 dreht sich um „Animation, Robotics & VR in der Architektur“. Der mehrfach ausgezeichnete US-amerikanische Architekt und Philosoph hat der KommunikationsRaum.-Redaktion vorab ein paar Fragen beantwortet.

Anzeige

Interview mit Greg Lynn

An welchem Punkt sehen Sie den Einsatz von VR und AR in der Architektur?

Ich war noch nie sehr begeistert von VR, da es für mich nie einen enormen Einblick gab. AR auf der anderen Seite war für mich in zweifacher Hinsicht extrem überraschend. Der erste Effekt ist: Indem man ein 3D-Modell im Maßstab 1:1 in die Welt bringt und es auf den Boden, einem physischen Modell oder anderen Referenzen gegenüberstellt, ist es ein erstaunliches Werkzeug zur Beurteilung des Maßstabes. Es ist fantastisch, ein 3D-Modell im realen Raum maßstabsgetreu platzieren zu können, es zu umlaufen und in Bezug zu anderen Maßstabselementen im realen Raum zu sehen. Mit einer AR-Brille ist alles etwas fokussierter und High-Fidelity für die Augen, mit einem Tablet oder Telefon ist es viel sozialer. Doch die Lokalisierung eines 3DModells auf einem physischen Objekt oder in einem Raum ist enorm wichtig und leicht verfügbar. Ich benutze das die ganze Zeit und kann mir nicht vorstellen, nicht damit zu arbeiten, da es mir beim Entwerfen einen Einblick in den Subzentimeterbereich und vielleicht sogar in den Millimeterbereich bringt. Der zweite Effekt ist die „Montageanweisung” oder geometrische Position für die Konstruktion im Raum. Es ist unglaublich, von Zeichnungen und Vermessungsschnüren und Farbe loszukommen und stattdessen die zu bauenden Konstruktionselemente im Raum zu haben. Anstelle von Zeichnungen und PDF-Dateien als Referenzen können diese Informationen mit Genauigkeit im Raum über Headset, Tablet oder Telefon dargestellt werden, das ist großartig.

Ist diese Technologie noch Zukunftsmusik oder bereits in der Realität angekommen?

Ich verwende diese Tools bereits seit über vier Jahren, einige davon täglich. Meine Studenten an der Universität für angewandte Kunst in Wien benutzen diese Werkzeuge seit mehr als drei Jahren und nehmen sie als selbstverständlich. Wir haben dort Konstruktions-Experimente mit Diplomprojekten durchgeführt, und jeder ist verpflichtet, seine Modelle und Zeichnungen als Kursanforderung damit zu ergänzen, so dass es ein alltägliches Werkzeug für sie ist.

Zur Architektur-Biennale 2016 in Venedig präsentierte Greg Lynn sein Konzept für die Umgestaltung eines brachliegenden Fabrikgeländes in Detroit. Zur Visualisierung nutzte er die Mixed-Reality-Software HoloLens. (Bild: Salam Rida)

Sie haben mit Microsoft und Trimble Technology an „HoloLens“, einer Mixed Reality-Software, zusammengearbeitet. Sie konnten das brachliegende Industriegelände von Packard Plant in Detroit als Pilotprojekt für den Einsatz von HoloLens nutzen. Wie die architektonische Umstrukturierung aussehen könnte, haben Sie bereits auf der Biennale 2016 in Venedig vorgestellt. Wie haben Sie HoloLens hier verwendet?

Für Packard Plant haben wir HoloLens in mehrfacher Hinsicht eingesetzt, vor allem, um eine Vorstellung über den Umfang des Projekts zu bekommen. Wir nutzten HoloLens auch auf die gleiche Weise wie schon für eine große Fabrikplanung, für die Moto Guzzi Factory. Mein Büro hat eine einzige große Fläche von ca. 15 Quadratmetern, wo wir das gesamte Gelände in Augenhöhe ins Büro bringen und dort „herumlaufen” konnten, um ein Gefühl für die Größe der Gebäude und für die Bewegungsabläufe zu bekommen. Dies wäre sonst mit einem riesigen Modell geschehen, dessen Anfertigung Wochen gedauert und eine eigene Immobilie zur Unterbringung benötigt hätte. So konnten wir sehr große Objekte sehr schnell untersuchen.

Greg Lynn hat für den Masterplan zur Neugestaltung des Motorenwerk- Geländes von Moto Guzzi in Mandello, Italien mit der Mixed-Reality- Software HoloLens gearbeitet.
(Bild: Greg Lynn FORM)

Wird sich die Arbeit von Planern oder Architekten ändern? Müssen sie Experten für digitale Technologien werden?

Ich denke, dass Architekten im Allgemeinen auf dem neuesten Stand der Technik sein müssen – das beinhaltet auch alles, was die Vorvisualisierung und Planung physischer Dinge vor dem Bau betrifft. Das sollte die zentrale Expertise dieses Bereichs sein. Da wir in der Vergangenheit Spezialisten für die Beschreibung von Dingen waren, die durch Papier vermittelt wurden, scheint es eine vernünftige Erwartung zu sein, dass wir mit Dingen, die durch AR beschrieben werden, den Weg weisen werden.

Für wen lohnt es sich, VR- und AR-Technologien einzusetzen? Für welche Art von Projekten ist es sinnvoll?

Meiner Meinung nach liegt die größte Stärke beim Einsatz auf Baustellen und für das Zusammenstellen von Dingen. AR ist ein erstaunlicher Ersatz für technische Zeichnungen und Handbücher, die Konstruktionsweisen beschreiben. Ich finde es als Präsentations- oder Verkaufstool nicht sinnvoll und sogar kontraproduktiv, doch als Konstruktionstool ist es erstaunlich nützlich. Es ist viel intuitiver und informationsreicher als gedruckte Zeichnungen oder 2D-Dokumente auf Tablets im PDF-Format.

Ist es ein Vorteil dieser Technologien, dass Sie wie bei HoloLens auch 3D-Modelle erzeugen können?

Wir bauen eine absurde Anzahl von physischen Modellen, weil sie mit CNC-Fräsen, Laserschneidern und 3D-Druckern so viel schneller und einfacher zu bauen sind. Daher ist es sehr nützlich, HoloLens zu verwenden, um sie zu ergänzen. Es ist ein sehr natürlicher Arbeitsablauf, zwischen dem digitalen Modell und den digitalen Fertigungswerkzeugen zu wechseln, über Brillengläser oder Tablets Objekte zu betrachten und wieder zurück zu den 3D-Dateien zu gehen.

Wie gelingt die Übertragung von der virtuellen Animation eines Innenraums in die reale Welt? Was ist mit der Darstellung von Farben, Materialien und Oberflächen? Oder geht es darum, zu zeigen, was möglich ist?

Ich verwende diese Tools nicht für fotorealistische Präsentationen. Während des Designprozesses arbeiten wir mit Neurable (www.neurable.com), um die Effektivität von Design-Annahmen gegenüber der Gehirnaktivität zu messen. Dafür verwenden wir Visualisierungen, aber diese sind räumlich fokussiert und nicht so sehr auf den Fotorealismus ausgerichtet. Es gibt die Möglichkeit, die Wirkung von Texturen und Beleuchtung zu sehen, aber wir nutzen diese Tools für Einblicke in die Wegführung und Ansichten eines Gebäudes.

Weitere Informationen über Raumwelten: www.raum-welten.com.


Weitere spannende Artikel finden Sie in der neusten Ausgabe von Kommunikationsraum –  hier downloaden oder bestellen

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.