Architektur & Medientechnik

Storytelling im Showroom

Welche Konzepte muss ein Showroom bieten, um Kunden und Besucher für das jeweilige Thema anzuziehen und zu fesseln? Und welche Rolle spielt Medientechnik dabei? 5 Fragen an den Stuttgarter Designer Kurt Ranger, dessen Unternehmen für Gestaltung und Generalübernahme der Medieninstallation am Hauptsitz der Hilti AG mit dem Sinus – Systems Integration Award 2017 ausgezeichnet wurde. 

Der 100 m lange Tunnel verbindet den Haupteingang von Hilti mit dem Innovationszentrum.

Lorenz Kienzle

Der 100 m lange Tunnel verbindet den Haupteingang von Hilti mit dem Innovationszentrum.

Kurt Ranger ist Gründer und Geschäftsführer von Ranger Design. In dem interdisziplinären Stuttgarter Gestaltungsbüro arbeiten Fachleute aus den Bereichen Konzeption, Marketing, Produktdesign, Grafikdesign, Innenarchitektur, Szenografie und Mediendesign. Schwerpunkt der Tätigkeit ist die Gestaltung von Ausstellungen. Dabei beschränkt man sich nicht nur auf den musealen Bereich, auch Unternehmen nehmen die Dienste von Ranger Design für die eigenen Showrooms gerne in Anspruch. Denn hier punktet Kurt Ranger dadurch, dass er für die darzustellenden Inhalte Handlungsabläufe entwickelt und in atmosphärische Bilder übersetzt – Exponate werden lebendig und erzählen Geschichten.

Kurt Ranger

Lorenz Kienzle

Kurt Ranger

Dies hat Ranger Design unter anderem durch erfolgreiche Showroom-Projekte im Liechtensteiner Hauptsitz von Hilti, Hörman Forum oder der Bäder- und Wohnwelten-Ausstellung „Salone No4“ unter Beweis gestellt. In der Umsetzung eines solchen „Storytellings“ kommen neben grafischen und architektonischen Elementen auch vermehrt audiovisuelle und medientechnische Elemente zum Einsatz. Die Medieninstallation bei Hilti beispielsweise wird in Kürze sogar mit dem Sinus – Systems Integration Award 2017 als Sieger gekürt. Die Preisverleihung erfolgt im Rahmen der Prolight + Sound 2017 am 6. April. KommunikationsRaum. hat Kurt Ranger zu seiner Arbeitsweise und zur sinnvollen Nutzung der Medientechnik anhand von Projektbeispielen befragt:

Warum eigentlich Showroom? Welche Bedeutung kommen Showrooms heutzutage im Unternehmensmarketing zu und warum spielt die richtige Inszenierung dabei eine Rolle?
Auch wenn die Kommunikation immer digitaler abläuft, bleibt doch die „physische” Begegnung mit einem Unternehmen und seinen Produkten immens wichtig. Showrooms, Erlebniswelten, Visitor Centern oder Ausstellungen kommt dabei die Rolle zu, informierende Räume für diese Begegnungen zu gestalten. Die erste Frage ist: Wer begegnet wem? Showrooms wirken immer nach außen und innen. Sie setzen ein Statement eines Unternehmens. Ein Showroom kommuniziert Werte, Haltungen und Botschaften. Und das in einer bestimmten Atmosphäre. Showrooms wenden sich möglicherweise an Verbraucher (Kunden, Endkunden), an Vermittler (Handwerker, Planer, Architekten), an Mitarbeiter für die firmeninterne Kommunikation, als Schulungszentrum etc., an Bewerber, Partner, Lieferanten, an Anwohner, Bewerber, Journalisten, Analysten, Banken und viele andere. Auch wenn die Nutzung für bestimmte Zielgruppen klar definiert ist, ist meine Erfahrung, dass letztlich ein sehr großer Kreis an Nutzern in Frage kommt.

Mit welcher Grundidee gehen Sie an das inhaltliche Konzept eines Showrooms heran. Können Sie uns dies an Beispielen erläutern?
Am Anfang stehen verschiedene Fragen: Wer ist der Auftraggeber? Wer soll schwerpunktmäßig mit einem Showroom angesprochen werden? Um welche Themen geht es? Welche Produkte werden gezeigt? Welche informative Unterstützung brauchen diese Produkte? Welches Budget steht zur Verfügung? Jedes Projekt entwickelt aus diesen Kriterien heraus eine eigene innere Logik. Nehmen wir den Salone No4 in Lindau. Diese Ausstellung auf einer Fläche von ca. 5.000 m² ist ein Zentrum für Bäder und Fliesen, für Türen und andere Produkte rund um das Thema Wohnen und Wellness. Der Schwerpunkt liegt in der Präsentation von Bädern. Wir waren schon zu einem sehr frühen Zeitpunkt an der Projektentwicklung beteiligt. Die Ausstellung richtet sich in erster Linie an Handwerker und deren Kunden, an Architekten und die sogenannten Endverbraucher, also Leute, die beispielsweise ein Bad einrichten oder verändern möchten.

Um Besucher auch aus einem größeren Umkreis anzulocken, gehört eine bestimmte Größe an Ausstellungsfläche dazu. Die Aufgabe bestand darin, in eine Flut von Sanitärprodukten und Fliesen Strukturen einzuziehen, damit das Ganze für den Kunden überschaubar wird und es ihm Spaß macht, sich mit den vielfältigen Themen rund ums Bad zu beschäftigen. Wir entwickelten ein räumliches Konzept, in dem bestimmte Themen herausgearbeitet wurden. In großräumigen Kuben werden Bäder nach den Aspekten Funktion, Farbe, Materialien, Licht und anderen Themen ausgestellt. Eine kleine Geschichte des Badens ergänzt die Ausstellung.

Mit dem „Badkonfigurator“ im Salone No4 lassen sich – ausgehend von der Größe des Bades – die Grundkosten der Sanitärinstallation und die weiteren Kosten für die Ausstattung in verschiedenen Niveaustufen anschaulich und transparent ermitteln

Lorenz Kienzle

Mit dem „Badkonfigurator“ im Salone No4 lassen sich – ausgehend von der Größe des Bades – die Grundkosten der Sanitärinstallation und die weiteren Kosten für die Ausstattung in verschiedenen Niveaustufen anschaulich und transparent ermitteln

Ein anderes Beispiel ist die Ausstellung „Innovation”, die wir für die Hilti AG am Stammsitz des Unternehmens in Schaan in Liechtenstein konzipiert und realisiert haben. Der Wunsch von Hilti war es, für das neu gebaute Innovationszentrum Szenarien und Ausstellungselemente zu entwickeln, die das Unternehmen präsentieren. In enger Zusammenarbeit mit dem Auftraggeber entwickelten wir die Idee, das innovative Denken des Unternehmens bei seiner Produktentwicklung, also die Frage „Wie findet Hilti zu Innovationen?”, zum Thema zu machen. Die Ausstellung präsentiert nun – ganz klassisch – die Produkte und vermittelt darüber hinaus, was daran innovativ ist. Den Auftakt in die Ausstellung macht im Eingangsbereich ein über 3.000 Jahre alter Handmeißel aus der Bronzezeit. Ihm haben wir einen von Hilti einwickelten Meißel zur Seite gestellt. Ein Meißel ist ein Produkt, das mutmaßlich ausentwickelt ist, wie ein Hammer oder ein Beil. Die Ausstellung zeigt, dass Hilti den Meißel „neu erfunden” hat mit der Idee, ihn so zu gestalten, dass er sich selbst nachschärft. Die Gegenüberstellung dieser beiden Exponate ist ein ganz plakativer Hinweis auf die Innovationsqualität des Unternehmens, das Dinge, die scheinbar selbstverständlich sind, infrage stellt und daraus innovatives Potenzial gewinnt.

Welche Rolle spielt die Innenarchitektur eines Showrooms – wie sollte der optimale Showroom beschaffen sein?
Die Innenarchitektur muss mit der Architektur abgestimmt sein, sie müssen miteinander korrespondieren, sich ergänzen und sich nicht im Weg stehen oder konkurrieren. Die Innenarchitektur braucht Kraft und muss kommunikative Funktionen erfüllen. Sie ist von zentraler Bedeutung, weil sie einer Ausstellung, die ja in einem größeren Raum, in einer gebauten Architektur stattfindet, erst Halt und Kraft gibt und sie überhaupt sichtbar macht. Deshalb ist es sinnvoll, möglichst frühzeitig mit Architekten gemeinsam zu überlegen, wo welche Teile ausgestellt werden können und wie die entsprechende Architektur dieses ermöglichen kann. Es ist ja nicht immer so, dass zuerst die Architektur da ist und dann das inhaltliche Konzept entwickelt wird. Es gibt durchaus Prozesse, in denen wir als Gestalter früh gemeinsam mit Architekten und Auftraggebern planen und fragen: „Was soll die Architektur überhaupt können? Welche technischen Strukturen sind wichtig? Wie ist es mit dem Licht? Wie sind die Laufwege? Wie sind die Orientierungspunkte? Wie kommuniziert das Ganze nach außen und innen?”

Für das Unternehmen Hörmann haben wir das Hörmann Forum entwickelt, ein Zentrum, das zum einen der Schulung und Ausbildung der Mitarbeiter und externer Verkaufsmitarbeiter dient und das zum anderen eine große Ausstellung der Produktpalette und Produktsparten von Hörmann ist. Bei der Planung des Forums haben wir von Anfang an eng mit den Architekten Wannenmacher + Möller zusammengearbeitet und eine einheitliche ästhetische Sprache von Architektur und Innenarchitektur geschaffen. Gemeinsame Raumachsen wurden gefunden, Größen und Farben aufeinander abgestimmt usw. Bei Hilti wiederum haben wir auch auf vorgegebene Raumsituationen reagiert und sie weiterentwickelt: Zum Beispiel fanden wir einen ca. 100 m langen Tunnel vor, der den Haupteingang unter der Feldkircher Straße mit dem Innovationszentrum verbindet und täglich von vielen Unternehmensmitarbeitern und Besuchern durchlaufen wird. Für die langen Wände entwickelten wir einen Aufbau mit wechselnden Stichworten zur Suche nach Innovationen und wichtigen Fragestellungen der Zukunft.

Eine kreisförmige Wand im Hörmann Forum thematisiert das soziale Engagement und Umweltbewusstsein von Hörmann. Ein Touchscreen informiert über die Berufsausbildung, duales Studium und mehr.

Lorenz Kienzle

Eine kreisförmige Wand im Hörmann Forum thematisiert das soziale Engagement und Umweltbewusstsein von Hörmann. Ein Touchscreen informiert über die Berufsausbildung, duales Studium und mehr.

Welche Art von Medientechnik setzen Sie in Showrooms ein und auf welche Weise?
Die möglichst angemessene. Zuerst kommt die Frage, welche Botschaften die Medientechnik transportieren soll. Nehmen wir zum Beispiel Hilti. Bei Hilti geht es um innovative Qualität, um Entwicklungsprozesse. Eine Botschaft, die die Medientechnik vermitteln sollte war, es zu zeigen, wie diese Entwicklungsprozesse ablaufen. Ein Entwicklungsprozess beginnt, wird weiter geführt, geht vielleicht wieder zum Anfang zurück, bleibt möglicherweise stehen oder führt zum fertigen Produkt. Um das zu visualisieren, entschieden wir uns für Touchscreens. An einem langen Touchscreen-Tisch, in den mehrere aneinander gebaute Bildschirme integriert sind, werden diese Entwicklungslinien sichtbar gemacht und die Methoden und Lösungswege der Entwickler veranschaulicht.

An einem langen Touchscreen-Tisch werden bei Hilti Ideen und Entwicklungsprozesse sichtbar gemacht und Kreativmethoden, systematische Planungsschritte, Einflussfaktoren und Produktentwicklungen thematisiert. Filmeinblendungen ergänzen die Entwicklungslinien.

Lorenz Kienzle

An einem langen Touchscreen-Tisch werden bei Hilti Ideen und Entwicklungsprozesse sichtbar gemacht und Kreativmethoden, systematische Planungsschritte, Einflussfaktoren und Produktentwicklungen thematisiert. Filmeinblendungen ergänzen die Entwicklungslinien.

Eine andere mediale Entscheidung resultierte aus firmenspezifischen Bedingungen: Dem Wunsch, Besuchergruppen durch das Unternehmen zu führen, standen die Vertraulichkeits- und Geheimhaltungsvorgaben gegenüber. Wir lösten diese Problematik, indem wir Mitarbeiter bei einem exemplarischen Gang durch das Innovationszentrum filmten. Drei Mitarbeiter präsentieren nun stellvertretend ihre Arbeitsbereiche und vieles mehr. Wir kombinierten die Filmsequenzen mit interaktiven und virtuellen Modulen. Jetzt kann der Besucher an einem großen Touchscreen die Person auswählen, der er folgen möchte. Die dem Bauprojekt vorauslaufende Mitarbeiterbeteiligung wird dargestellt und die Intentionen der Architekten Giuliani.Hönger werden erläutert. Bei Hörmann entschieden wir uns nach intensiven Diskussionen dafür, an jedem Produkt einen Touchscreen anzubringen. Der Vorteil dabei ist die hohe Flexibilität des Systems. Die Produktinformationen sind vereinheitlicht und können sehr schnell verändert und aktualisiert werden. Filme und Animationen können am Produkt abgerufen werden. Zusätzlich sind die Produktinformationen in vielen Sprachen verfügbar.

Welchen Mehrwert kann die Medientechnik dem Storytelling in einem Showroom geben?
Medien implizieren die Möglichkeit der Interaktion. Filme, Animationen, Zeitlupen, Zeitraffer können abgerufen werden. Man kann Vernetzungen sichtbar machen und sehr viel damit kommunizieren. Gleichwohl ist es wichtig, in einer reduzierten Informationsmenge auf Ausgewogenheit zu achten und Wiederholungen zu vermeiden. Es ist wichtig, Regie zu führen und zu entscheiden: „Diese Information erzählen wir durch die Produktpräsentation oder durch die Grafik, das brauchen wir jetzt nicht im Film.” Meines Erachtens ist es die Kunst, Überladungen zu vermeiden und die Medien gemäß ihres charakteristischen Potenzials gezielt einzusetzen. Im Salone No4 haben wir eine Sache gemacht, die ich sehr spannend finde. Und die einen deutlichen Mehrwert sowohl für die Kunden als auch die Berater erzeugt:

Wir entwickelten eine Software, einen „Badkonfigurator”. Mit ihm lassen sich – ausgehend von der Größe des Bades – die Grundkosten der Sanitärinstallation und die weiteren Kosten für die Ausstattung (Produkte, Oberflächen, Möblierungen) in verschiedenen Niveaustufen anschaulich und transparent ermitteln. Jetzt können Besucher den Abgleich ihres Budgets mit ihren Vorstellungen individuell vornehmen. Und es ist ein hilfreiches Tool für den Berater, um einen sensiblen Bereich mit dem Kunden spielerisch, behutsam und sympathisch zu thematisieren. Die Story, die wir dadurch im Salone No4 erzählen, thematisiert die Frage „Was kostet ein Bad?” Und: „Welches Bad kann ich mit meinem Budget zu meiner Zufriedenheit realisieren?” Und darüber hinaus: „Was gibt es für unendliche Ideen, ein Bad zu gestalten?”

Letztlich stellen wir Kompetenz aus. Bei Hilti wird die Story der Innovationen erzählt: „Was ist Innovation? Was versteht Hilti unter Innovation? Wie kommt Hilti zu Innovationen? Weshalb steht Hilti heute da, wo Hilti steht?” Das Hörmann Forum erzählt verschiedene Geschichten. Da ist zum einen die Geschichte der Produkte, der Produktkategorien und die unglaubliche Vielfalt an Varianten. Und dann wird die Geschichte der Familie und des Unternehmens, ihrer Werte und ihrer sozialen Haltungen erzählt. Diese Geschichten werden erfahrbar in einem qualitativ unglaublich hochwertig gebauten Gebäude, vor dem das Kunstwerk „Großer Kniender” von Stephan Balkenhol steht. In einer hochklassig gemachten Ausstellung, die bis ins Detail einfach durchgängig und konsequent perfekt ist. Und das ist auch eine Meta-Botschaft.

Vielen Dank für das Gespräch.

Das Interview führte Helga Rouyer-Lüdecke. 

 

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