Klubhaus St. Pauli: Mediatektur in der Praxis

Oliver Fantitsch für Klubhaus St. Pauli

 

Auf der Hamburger Reeperbahn gibt es ein tolles Beispiel für die Umsetzung einer innovativen Mediatektur: das Klubhaus St. Pauli. Der rund 5.000 m² große Gebäudekomplex bietet eine einzigartige Medienfassade.

Der im September 2015 eingeweihte Neubau bietet Platz für Livemusik, Entertainment, Nachtleben und urbanes Arbeiten. Er beheimatet u. a. den Sommersalon, Schmidtchens Alte Liebe, den Bahnhof Pauli, das Kukuun, das Häkken, das Skurrilum, die Roofbar auf dem Dach, das Theater Schmidtchen und diverse Büroflächen.

Das Klubhaus wurde nach Plänen von akyol kamps : bbp architekten errichtet, die bereits in der Entwurfsphase eng mit dem Kreativunternehmen Urbanscreen zusammen – arbeiteten. Urbanscreen zeichnen dabei für den Entwurf und die künstlerische Leitung der Medienfassade verantwortlich. Das Bremer Künstlerkollektiv hat sich mit der Inszenierung von urbanen Räumen weltweit einen Namen gemacht. Seit 2005 beschäftigt sich das interdisziplinäre Team aus Architekten, Medienkünstlern, Bühnenbildnern, Musikern und Technikspezialisten mit dem inzwischen international etablierten Dialog zwischen Videokunst und urbaner Kommunikation. Die Wurzeln des Künstlerkollektivs liegen in der „Lumentektur“, der passgenauen Bespielung von Objekten mit Videoprojektion. Die Projekte wurden mit verschiedenen international renommierten Preisen ausgezeichnet (siehe auch www.urbanscreen.com).

Bereits im Jahr 2011 gewann das Projektteam aus Urbanscreen und akyol kamps : bbp architekten den von den Bauherren ausgeschriebenen Architekturwettbewerb, der die Entwicklung einer innovativen Medienfassade für den Neubau auf dem Spielbudenplatz vorsah. Der Entwurf zeichnet sich durch eine Kombination von Architektur und Medieninstallation aus, in der Bewegtbild und Baustruktur als gleichwertige Bestandteile der Gebäudeidentität verstanden werden. Damit grenzt sich die Medienfassade des Klubhaus St. Pauli deutlich von herkömmlichen Architektur-Screens ab.

Bei der Eröffnungsfeier bot die Medienfassade eine multimediale Show.

Oliver Fantitsch für Klubhaus St. Pauli

Bei der Eröffnungsfeier bot die Medienfassade eine multimediale Show.

Zusammen mit den Medien-Ingenieuren von Intermediate Engineering GmbH aus Hamburg (www.im-en.com) wurde das medientechnische Konzept entworfen und umgesetzt, diese verantworteten auch die umfangreiche Mediensteuerung und Zuspielung.

Von Vorteil für die Konzeption und Gestaltung der Medienfassade war die frühzeitige Einbindung von Urbanscreen durch die Architekten akyol kamps : bbp architekten. Dadurch wurde das Klubhaus ein homogenes Objekt, bei dem der reale architektonische Entwurf und der medientechnische bzw. -künstlerische Entwurf ineinandergreifen. Diese Verbindung zwischen Medien und Architektur wird auch Medienarchitektur, Media-Architectur oder Mediatektur genannt.

Konzept der Medienfassade

Das Gesamtkonzept der insgesamt 700 m² großen Mediatektur fügt sich aus bewusst unbespielten Flächen sowie drei unterschiedlichen Medienmodulen in der Architektur zusammen:

// 177 m² hochauflösendes Mediamesh – eine Art Metallgeflecht mit integrierten LEDs

// 265 m² RGB-Flächen als indirekte Beleuchtung

// 50 m² hochauflösende, transparente Glas-Displays im außenliegenden Fahrstuhlbereich

Als bildgebende Mittel wurden sowohl die klassische Architekturbeleuchtung als auch die hochauflösenden LED-Meshes und LED Glas-Displays in die Medienfassade integriert. Dabei erfordern die insgesamt 372 Panels unterschiedlichen Typs und Auflösung (Gesamtauflösung von 2.598 × 1.564 Pixel) eine komplexe Mediensteuerung und Zuspielung.

Im Unterschied zu vielen anderen Videoscreens und durch die spezielle technische Konstruktion ist die Medienfassade vom Innern des Hauses aus transparent – damit können Besucher und Mitarbeiter auch während des laufenden Betriebs der Medienfassade nach draußen schauen.

Interaktive Bespielung

Die Bespielung der Fassade kann für bestimmte Beiträge oder Events von den Zuschauern auch aktiv beeinflusst, gesteuert und verändert werden. Interaktiv ist auch der außenliegende, gläserne Fahrstuhl zur Roof Top Bar: Er reagiert visuell auf die Fahraktivitäten des Lifts mit unterschiedlichen Video-Szenarien. Die Medienfassade kann zudem aktuelle Ereignisse, wie beispielsweise Konzerte oder Sportevents live übertragen. Bei der Eröffnungsfeier bot die integrierte Medienfassade eine faszinierende multimediale Show mit einzigartigen Clips von Urbanscreen, einem Count-up zur Eröffnung des Reeperbahn Festivals, Clips der Werbepartner und interaktive Elemente.

Zur Finanzierung wurde übrigens ein dreiteiliger Bespielungsmix für die Medienfassade entwickelt: ein Drittel für Kunst und Kultur mit Core Visual als künstlerische Grundbespielung, ein Drittel für die Selbstdarstellung der im Hause befindlichen Kunst- und Kulturbetriebe sowie ein Drittel für anspruchsvolle kommerziellen Inhalte mit Unterhaltungswert in vorgegebenen Pre-Sets.

Die Medienfassade als Werbefläche.

Oliver Fantitsch für Klubhaus St. Pauli

Die Medienfassade als Werbefläche.

Medientechnik-Integration als Trend

Die Verbindung von Medientechnik und Architektur ist für Urbanscreen kein einmaliges Projekt, sondern ausbaufähig. Till Botterweck, Geschäftsführer von Urbanscreen: „Wir sehen die weitere Entwicklung ganz klar in der zunehmenden Integration von Medientechnik in die Architektur und wir werden damit selbst auch mehr im Festinstallationsbereich aktiv.“

Daten & Fakten

Bauherren:

// Klubhaus St. Pauli GmbH & Co. KG

Architekt:

// akyol kamps : bbp architekten

Medienfassade – Konzept:

// Urbanscreen, Bremen

Medienfassade – technische Planung:

// Intermediate Engineering GmbH, Hamburg

Medienfassade – Ausführung:

// Multivision LED-Systeme GmbH (Mediamesh),

Marchtrenk/Österreich,

Onlyglass GmbH (transparente Glas-Displays),

Verden, Bartenbach GmbH, Aldrans/Österreich

 

Autor:  Daniela Baumann

 

Neugierig auf mehr? Hier erläutert Medienkünstler Thorsten Bauer im Interview, was eine Mediatektur ausmacht und was bei ihrer Planung alles berücksichtigt werden sollte.

 

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