Medienintegration im NS-Dokumentationszentrum München: Moderne trifft auf Geschichte

Im Spannungsfeld zwischen Architektur und Medientechnik mussten sich AV-Planer und -Installer beim Bau des Münchner NS-Dokumentationszentrums einiges einfallen lassen, um die Vorgaben der Hausherren umzusetzen. Ein Blick hinter die Kulissen der Ausstellung.

NS-Dokumentationszentrum

NS-Dokumentationszentrum München/Jens Weber

„Warum München? Und was geht uns das heute an?“ So lautet die zentrale Fragestellung der Dauerausstellung „München und der Nationalsozialismus“ im 2015 eröffneten NS-Dokumentationszentrum München, das sich mit der Nazi-Vergangenheit der Stadt und den bis heute erlebbaren Folgen beschäftigt. Und zwar an historischem Ort. Denn das moderne Gebäude wurde genau dort errichtet, wo sich einst das „Braune Haus“ befand.

In direkter Nachbarschaft der ehemaligen NSDAP-Parteizentrale wurden im Lauf der 1930er Jahre auch zahlreiche Zentralbehörden und Nebenstellen der Partei in Gebäuden untergebracht, die zum Teil heute noch existieren. Inmitten dieser historischen Bauten setzt der hellgraue Betonwürfel, der nun das Zuhause des Dokumentationszentrums ist, ganz bewusst einen architektonischen Kontrapunkt.

Dabei stellen die Blickachsen zu den umliegenden Orten einen integralen Bestandteil des Ausstellungs-Konzepts dar. Immer wieder trifft der Besucher im Gebäude auf mediale Inhalte, die historische Geschehnisse zeigen, welche in der direkten Umgebung stattgefunden haben. Gleichzeitig ermöglichen große Fenster den Blick auf die baulichen Relikte der NS-Zeit im gegenwärtigen Kontext.

Die Projektionen im Fensterbereich waren eine große Herausforderung.

© NS-Dokumentationszentrum München/Jens Weber

Die Projektionen im Fensterbereich waren eine große Herausforderung.

Angesichts der sensiblen Thematik haben sich die Ausstellungsmacher vom Nürnberger Kochbüro und der Münchner Professor Winfried Nerdinger für ein sehr reduziertes und nüchternes Erscheinungsbild entschieden. Im neuen Dokumentationszentrum wird also kein mediales Feuerwerk abgebrannt. Vielmehr werden Ursprung und Aufstieg des Nationalsozialismus in München, die besondere Rolle der Stadt im Terrorsystem der Diktatur sowie der schwierige Umgang mit dieser Vergangenheit seit 1945 mit dezentem Medieneinsatz aus historischen Quellen vermittelt. Trotz der technischen Reduktion hat das NS-Dokumentationszentrum München interessante Aspekte in Sachen besucherorientierte Medienintegration sowie Zusammenspiel zwischen Medientechnik und Architektur zu bieten.

Sichtbeton und Wandheizung

Der sich über vier Etagen erstreckende Ausstellungsrundgang beginnt im vierten Stock und führt über verschiedene Themenschwerpunkte wieder zurück ins Erdgeschoss. Die aus medientechnischer Sicht wichtigsten Elemente, die den Besucher dabei begleiten, sind übermannsgroße, mit LED-Panels hinterleuchtete, Backlit-Stelen mit schwarzweißen Bild- und Textelementen sowie Leuchttische im 1 × 1 m-Raster. Diese zeigen neben Backlit-Texten und Fotos auch Videos und interaktive Karten auf quadratischen Monitoren. Ebenfalls häufig kommen Monitor-Stelen mit querformatigen 70″-Displays vor sowie Video-Projektionen, die entweder auf der Wand oder auf Bildwänden im Luftraum präsentiert werden.

Die Besucher werden von oben nach unten durch das Gebäude geleitet.

© NS-Dokumentationszentrum München

Die Besucher werden von oben nach unten durch das Gebäude geleitet.

Dabei war ein Element des architektonischen Konzepts eine besondere Herausforderung für die Planung der Medientechnik: Wände und Decken sind aus Sichtbeton, in den direkt wasserführende Schläuche zur Raumbeheizung eingelassen sind. Andreij Vatter vom Planer Spheromedia blickt zurück: „Da die Heizschläuche unter dem Sichtbeton nicht exakt lokalisierbar sind, hatten wir zunächst die Vorgabe, dass an Wänden und Decken nichts installiert werden darf. Das hat uns natürlich zuerst einiges Kopfzerbrechen bereitet. Nach einer gründlichen Analyse stellte sich heraus, dass wenigstens in der Decke parallel verlaufende Kabelkanäle angelegt werden. Wir richteten also die Planung darauf ein, dass wir Hardware ausschließlich entlang dieser Kanäle befestigen können.“

Individuelle Ausleger

So erschien es am praktikabelsten, mit Beamern an die Wandflächen zu projizieren. Dabei wurde die Installation der Geräte auf die niedrige Deckenhöhe der Räume abgestimmt. „Bei der Installation mussten wir darauf achten, dass die Projektoren hoch genug hängen, damit die Besucher nicht am Gerät herumspielen können oder sich gar den Kopf anstoßen. So wählten wir eine Zwischenlösung aus Leistungsstärke und Gehäusegröße“, erläutert Vatter. „Bei leistungsstarken Geräten hätte die Gefahr bestanden, dass sie aufgrund ihrer Größe zu tief in den Raum hängen. Und die kleinen Beamer waren meist zu schwach für die hellen Räume.“

Das Rennen machte schließlich ein Full-HD Beamer von NEC mit einer Leuchtstärke von 5.200 ANSI-Lumen, der elf Mal in der Ausstellung verbaut wurde. Damit die Projektion am gewünschten Ort landet, mussten an verschiedenen Stellen Auslegerarme für die Beamer gefertigt werden, die am nächstgelegenen Kabelschacht an der Decke montiert wurden. Dabei erhielten die Auslegerarme sogar einen Knick, der am Rand des Kabelschachts bis direkt unter die Decke geführt wird. S

o hängen die Projektoren maximal hoch. Um dabei das Bild möglichst hell auf die Wand zu werfen, wurden diese mit einem starken Weitwinkelobjektiv ausgestattet, so dass selbst bei einem Abstand von nur einem Meter eine ansprechende Präsentation möglich ist. Gleichzeitig wird auf diese Weise der Schattenwurf minimiert, der bei niedriger Deckenhöhe im Fall durchlaufender Besucher ein potenzieller Störfaktor sein könnte.

Da die Projektoren in der Lage sind, das Bild elektronisch zu korrigieren, werden auch bei geringem Abstand unverzerrte Bilder projiziert – und zwar direkt auf die Betonwand. Vatter liefert einen überzeugenden Grund für diese Entscheidung: „Zunächst hatten wir angedacht, die Wände für eine bestmögliche Projektion zu behandeln. Dies ließen wir jedoch wieder fallen. Die leichte Wandstruktur des Sichtbetons macht die Darstellung des historischen Bildmaterials fast noch authentischer.“

Alles im Lack

Eine weitere Besonderheit findet sich in einem über zwei Etagen reichenden Areal im Luftraum. Hier wird durch Projektionen gegen die Fenster eine direkte Sichtachse zwischen Vergangenheit und Gegenwart geschaffen: Wer in Richtung Fenster schaut, blickt nicht nur auf die Projektionsflächen, auf denen historische Filmbeiträge aus der Umgebung zu sehen sind, sondern gleichzeitig auch auf die noch existierenden baulichen Relikte „vor der Haustür“.

Um diese – auch aus Installersicht – ungewöhnliche Anordnung funktional und sinnvoll umzusetzen, waren Maßnahmen notwendig, die alles andere als alltäglicher Standard sind. So kommen als Projektionsfläche Aluminiumplatten zum Einsatz, die speziell mit Screen-Goo-Farbe gestrichen wurde, um eine gute Bildqualität zu gewährleisten. Zudem wurden Projektoren mit sehr hohen Leuchtstärken benötigt, damit die Filmbilder in der hellen Fensterumgebung auch gut sichtbar sind. Genutzt werden dafür insgesamt vier Panasonic Full-HD Projektoren mit 12.000 ANSI-Lumen.

Neben der Befestigung gab es zudem bei der Integration der Projektoren in den Raum einige Herausforderungen: Die Geräte sollten farblich eine Einheit mit dem umgebenden Sichtbeton bilden und es durften keinerlei Typenschilder oder ähnliche Kennzeichen von der Projektion ablenken. Claus Lohse vom Installer a/c/t löste die Problematik auf seine Weise: „Nachdem wir auf dem Markt nicht die für die Ausstellung geeigneten Projektoren in der gewünschten hellgrauen Gehäusefarbe gefunden haben, legten wir einfach selbst Hand an.

Wir zerlegten die Projektoren und ließen sie komplett in einem sehr hellen Grauton lackieren, der perfekt auf den Sichtbeton des Gebäudes abgestimmt ist. So sind die Projektoren gut getarnt und dennoch für Wartungszwecke leicht erreichbar. Manchmal muss man in der Praxis eben auch zu ungewöhnlichen Methoden greifen, wenn man alle Kundenwünsche erfüllen will.“

Leuchttisch mit vier quadratischen Samsung-Displays.

© Markus Tischner

Leuchttisch mit vier quadratischen Samsung-Displays.

Ein weiteres medientechnisches Highlight hat die Ausstellung im NS-Dokumentationszentrum aber auch am Boden zu bieten. Hier kommen Leuchttische zum Einsatz, die zur Informationsvermittlung Text-, Bild- und Videomaterial verwenden. Neben mit LED-Panels hinterleuchteten Texten und Fotos wurden auch Monitore in die Tische integriert.

Hier werden Filmsequenzen gezeigt, welche die übrigen Informationen thematisch aufgreifen. Damit sich die Monitore optimal ins quadratische Tischraster einfügen, wurden aber auch Displays in diesem Format benötigt, die nicht zum Standard gehören. Verbaut wurden hier steglose UD22B Monitore von Samsung, die mit ihren nur 5 cm Einbautiefe sehr gut für einen Betrieb in den Leuchttischen geeignet sind. Dabei werden immer vier Monitore in einer Gruppe zusammengefasst, so dass entweder ein Gesamtbild gezeigt wird oder vier Einzelbilder getrennte Informationen liefern.

Smartphone als Multimedia-Guide

Zusätzlich gibt es zu allen Tischen Hintergrundinformationen, die über mobile Multimedia-Guides abgerufen werden können. Dabei werden nicht nur gesprochene Informationen zu den Texten und Fotos bereitgestellt. Auch der Ton für die Filme auf den Projektionsflächen und den Leuchttischen kommt über die Multimedia-Guides, deren technisches Herz ein herkömmliches Samsung Galaxy A5-Smartphone ist. Mit speziellen Android-Apps und einem passenden Gehäuse wird es zum Multimedia-Guide „xpedeo“ des Herstellers Informationsgesellschaft umfunktioniert.

Samsung Galaxy A5 als WLAN-fähiger Multimedia-Guide „xpedeo“.

© Markus Tischner

Samsung Galaxy A5 als WLAN-fähiger Multimedia-Guide „xpedeo“.

Denn es kann mehr, als Audiodaten abspielen: Dank der ohnehin vorhandenen Konnektivität des integrierten Smartphones kann der Guide den Besuchern auch anzeigen, wo sie sich gerade befinden. Die xpedeo-Geräte haben die vom Fraunhofer IIS-Institut entwickelte AwilocSoftwaretechnologie an Bord. Damit wird der Besucher bis auf wenige Meter genau lokalisiert. Über eine interaktive Kartenansicht auf dem Guide-Display sieht er seinen Standort und die ihn umgebenden Exponate. Zu den Exponaten gehörige Nummern zeigen an, für welche Inhalte es abrufbare Audiodaten gibt. Kurz: Der Besucher hat stets eine gute Übersicht, welche Informationen gerade in Reichweite sind.

>>> Hier finden Sie ein Interview mit Architekt Christian Koch

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