Interaktive Exponate im Rautenstrauch-Joest-Museum

Das Kölner Rautenstrauch-Joest-Museum geht seit Ende 2010 neue konzeptionelle Wege. Dabei spielen für die Vermittlung der Inhalte zahlreiche medientechnische Installationen eine wichtige Rolle, die stark durch Interaktion, Projektion und Sensorik geprägt sind.

Foyer Rautenstrauch-Joost-Museum

Claudia Rothkamp

Foyer des Rautenstrauch-Joest-Museums. © Claudia Rothkamp

Von der Völkerkunde zum Völkerverstehen

Völkerkundemuseum – nein danke? Wenn es um ethnologische Museen geht, sind die Vorurteile weit verbreitet: „Langweilig, verstaubt und trocken“ sind wohl mit die häufigsten Assoziationen, die mit dieser Thematik verbunden werden. Das war auch eines der Probleme im alten Rautenstrauch-Joest-Museum (RJM), das von 1906 bis Anfang 2008 in der Kölner Südstadt zu Hause war. Hervorgegangen war es aus einer über 3.500 Objekte umfassenden Privatsammlung des Weltreisenden Wilhelm Joest, die dieser nach seinem Tod 1897 seiner mit Eugen Rautenstrauch verheirateten Schwester Adele hinterlassen hatte. Zum Gedenken an ihren Bruder und ihrem drei Jahre später ebenfalls verstorbenen Ehemann finanzierte Adele Rautenstrauch den Bau des Museums, dessen Sammlungsbestand heute etwa 60.000 Objekte aus Ozeanien, Afrika, Asien und Amerika sowie 100.000 historische Fotografien und 40.000 Fachbücher umfasst.

Dr. Jutta Engelhard, Stellvertretende Direktorin des RJM sowie wissenschaftliche Referentin für Insulares Südostasien, ist überzeugt, dass dem Museum nun seinem 3.600 m² Ausstellungsfläche umfassenden Themenparcours im Neubau an der Cäcilienstraße im Herzen von Köln ein wichtiger Schritt in die Zukunft gelungen ist: „Im alten Rautenstrauch-Joest-Museum gab es viel zu wenig und vor allem keine zusammenhängende Ausstellungsfläche. Die regional ausgerichtete Dauerausstellung war stark parzelliert und arbeitete ausschließlich mit geschriebenen, hierarchisch gegliederten Texten und ergänzend mit historischen und aktuellen Fotos. Nur bei den Sonderausstellungen wurden bisweilen Filme oder interaktive Medien einbezogen.“

Historische Objekte, junges Konzept

Das hat sich nun in dem im Oktober 2010 eröffneten neuen RJM geändert. „Das aktuelle Ausstellungskonzept verzichtet auf die übliche Einteilung in geografische Großräume und greift stattdessen Themen auf, die Menschen überall auf der Welt bei der Daseinsbewältigung bewegen“, meint Engelhard. „Daraus resultierende Fragestellungen werden anderswo oft auf ganz andere Weise beantwortet – je nach kultureller Prägung. In der neuen Präsentation werden deshalb verschiedene Kulturen nebeneinander oder auch gegeneinander gestellt, und unsere eigene Kultur wird stets mit einbezogen in die Kulturen vergleichende Betrachtung.“ Dieser Kultur vergleichende Ansatz soll sozusagen das gleichberechtigte Dasein aller Kulturen betonen. Dazu dient der Themenparcours „Der Mensch in seinen Welten“, der über drei Etagen in neun Themenbereiche unterteilt ist – eingerahmt von Prolog und Epilog. Individuell inszenierte Themenräume bringen das jeweilige Raumthema zum Ausdruck, in dessen Zentrum das authentische Objekt steht.

Um seine jeweiligen Geschichten erzählen und das Exponat in seinen kulturellen Zusammenhang rücken zu können, wird auf unterschiedliche digitale Medien zurückgegriffen. „Unser Ziel war es, die Exponate zum Sprechen zu bringen, Geschichten zu erzählen, die den Besucher berühren und ein nachhaltiges Erleben ermöglichen“, sagt Prof. Uwe R. Brückner, der mit seinem Team vom Atelier Brückner und dem Team der Wissenschaftler des RJM die erzählerische Dramaturgie der neuen Dauerausstellung entwickelt hat. Für Mediengestaltung im Bereich der Software hat das Atelier Brückner außerdem das Unternehmen jangled nerves mit ins Boot geholt. „Wir wollten mit unserer Neupositionierung und unserem innovativen Ansatz dem verstaubten Image, das ethnologischen Museen in Deutschland und Europa immer noch anhaftet, entschieden etwas entgegensetzen“, begründet Engelhard den verstärkten Einsatz der medientechnischen Komponenten. „Auch hatten wir bei der Planung natürlich die unterschiedlichen Zielgruppen im Blick – hinsichtlich der Medien sicherlich ein jüngeres Publikum, das ja im Allgemeinen nicht so museumsaffin ist. Der Vorteil aus unserer Sicht: Mittels moderner Medien lassen sich Informationen, die unsere Objekte in ihre Kontexte setzen, oft auf verdaubarere Weise an die Besucherinnen und Besucher vermitteln. Der abwechslungsreiche Wechsel von Texteinheiten, Fotosequenzen und Filmausschnitten fesselt die Aufmerksamkeit länger und nachhaltiger, und die Menge an Informationen, die wir gerne geben möchten, kann auf diese Weise übersichtlich auf mehrere Ebenen aufgeteilt werden. Zudem sprechen wir die Besucher als aktiv Teilhabende an: Hands on ist die Devise, auch bei den interaktiven Medien.“

Exponat im Rautenstrauch-Joost-Museum

Claudia Rothkamp

Digitale Displays erläutern die Exponate im Rautenstrauch-Joest-Museum. © Claudia Rothkamp

Bedenken, dass gerade ältere Museumsbesucher mit zu viel moderner Technik eventuell überfordert sein könnten, gab es im Vorfeld jedoch nicht. „Für ältere Besucherinnen und Besucher gibt es reichlich Möglichkeiten der Information und Exploration – auch ohne die komplexe Medientechnik“, führt Engelhard aus. „Aber die Erfahrung zeigt auch, dass die Berührungsängste bei dieser Zielgruppe gar nicht so ausgeprägt sind, wie man das gemeinhin vermuten mag.“

Medientechnik vom Prolog bis zum Epilog

So treffen die Besucher schon im Foyer auf die moderne Technik: Vor den Kopfseiten eines indonesischen Reisspeichers wurde je ein Standdisplay installiert, über das sie Informationen zum größten Exponat der Sammlung abrufen können. Entlang der beiden Längsseiten befindet sich je ein Display auf einer Linearschiene, das sich auf der Schiene von der einen Seite bis zur anderen verschieben lässt.

An verschiedenen „Zwischenstationen“ springt das Display jeweils zu einem neuen Thema um. Von einer Seite zur anderen der Schiene soll sich der Besucher damit sozusagen virtuell schon einmal durch den gesamten Themenparcours bewegen können. Im Prolog des Museumsparcours erfolgt die Begrüßung dann über eine multimediale Rauminstallation, in der Menschen aus anderen Kulturen die Gäste in ihrer jeweiligen Sprache und Gestik per Lichtprojektion willkommen heißen. Wie ein roter Faden tauchen zudem in sämtlichen Themenräumen an unterschiedlichen Stellen immer wieder rot gerahmte Touchdisplays auf. An diesen so genannten Blickpunkten können die Besucher Zusatzinformationen zum jeweiligen Hauptthema der spezifischen Räumlichkeit abrufen. Sinnvoll eingesetzt wird die Technik auch im Bereich „Ansichtssachen?!: Kunst“.

Exponat im Rautenstrauch-Joest-Museum

Claudia Rothkamp

Exponat im Rautenstrauch-Joest-Museum. © Claudia Rothkamp

Auf den ersten Blick wurde die Rauminszenierung hier wie eine klassische Kunstausstellung angelegt. Auf den zweiten Blick haben die Besucher jedoch die Möglichkeit, sich zu dem jeweiligen Objekt den ursprünglichen kulturellen Kontext zeigen zu lassen. Denn jede Vitrine bietet hier Informationen On-demand. Berührt der Besucher einen seitlich an der Vitrine angebrachten Infoträger, so wird die schwarze Rückwand der Vitrine zur Projektionsfläche, die das Kunstwerk mittels eines historischen In-situFotos im ursprünglichen, meist rituellen Kontext präsentiert. Kreativ zeigt sich auch der medientechnische Einsatz im Bereich „Der verstellte Blick: Klischee und Vorurteil“, in dem versucht wird, den Afrikabildern in den Köpfen vieler Westeuropäer etwas entgegen zu setzen. Im Inneren des neutral weiß gestalteten Kubus werden den Besuchern jedoch andere Sichtweisen eröffnet: Einige weit verbreitete Vorurteile sind hier auf Klappen projiziert, die geöffnet werden können.

Mittels schräg gestellter, halbdurchlässiger Spiegel werden die ausgestellten Objekte von Rückprojektionen überlagert, welche die Klischees in Frage stellen. Sind beispielsweise die fremden Krieger mit ihren eindrucksvollen Waffen „wild“ oder vielleicht doch eher diejenigen unter den europäischen Fußballfans, die afrikanische Fußballspieler aufgrund ihrer Herkunft verhöhnen und tätlich angreifen? Auf diese und andere Weise durchziehen kleine und größere medientechnische Installationen den gesamten Ausstellungsbereich, bevor die Besucher im Epilog wiederum von den Protagonisten des Prologs per Lichtprojektion verabschiedet werden.

Ansprechende Haptik trotz Digitalisierung?

Digitales Buch im Rautenstrauch-Joost-Museum
Das Rautenstrauch-Joest-Museum präsentiert ein Digitales Buch zum Anfassen.

Aus medientechnischer Sicht stechen einzelne Installationen mehr hervor als andere. Dazu zählt beispielsweise zu Beginn des Themenparcours der Bibliotheksraum, in dem sich die Besucher mittels eines interaktiven, überdimensionalen Buches die Historie der Welteroberung aus europäischer Sicht erschließen können. Der Clou dabei: Hier geht es nicht um ein elektronisches Buch, bei dem man sich per Touchscreen durch die Seiten klickt, sondern um ein aus Projektionsleinwand zusammengestelltes tatsächliches Buch, das der Leser wie bei klassischen Büchern auch eigenhändig durchblättern kann.
Auf diese Weise erhält der Leser bei der Lektüre auch das haptische Erlebnis eines Buches. Durch Barcodes an den oberen Ecken der Buchseiten erkennt eine Sensorik, welche Buchseiten gerade aufgeschlagen sind und die entsprechenden Inhalte werden dann über den Projektor auf die Seiten projiziert. Werden die Seiten eine bestimmte Zeit lang nicht bewegt, wird eine Pauseseite aufgespielt.

Museumsarbeit interaktiv erforschen

Ein weiteres Highlight im RJM ist der interaktive Museumstisch im Bereich „Die Welt in der Vitrine: Museum“, der den Besuchern die Möglichkeit gibt, einen Blick in die vier klassischen Aufgaben der Museumsarbeit zu werfen, nämlich das Sammeln, Bewahren, Forschen und Vermitteln. Anhand konkreter Exponate können sie hier den Sammlungsbestand befragen, der analysiert und aufgeschlüsselt wird, um Aufgaben, Arbeitstechniken und Strategien wissenschaftlicher Erkenntnis nachvollziehbar zu machen.
An den beiden Längsseiten des Tisches wurde hierzu je ein Display auf einer Linearführungsschiene installiert, so dass die Monitore an unterschiedliche Positionen entlang des Tisches verschoben werden können. An diesen Stationen kommuniziert der Rechner mit einzelnen Exponaten in der Vitrine und es erscheinen Informationen zu den jeweiligen Objekten.

Interaktiver Museumstisch

Claudia Rothkamp

Der interaktive Museumstisch im Rautenstrauch-Joost-Museum. © Claudia Rothkamp

Zudem verfügt der Museumstisch über zwei interaktive Kinderstationen, die jeweils mit einem Touchdisplay ausgestattet sind. Hier, wie auch an zahlreichen anderen Stellen im RJM, finden speziell die jungen Gäste des Museums altersgerecht aufbereitete Inhalte zum Thema.
Interkulturell und digital verknüpft Technischer Höhepunkt ist jedoch ein außergewöhnlicher, großer Medientisch im Bereich „Lebensräume, Lebensformen: Wohnen“, der das Zentrum eines europäischen Salons aus dem 19. Jahrhundert bildet. Er soll die globalen Verknüpfungen verdeutlichen, welche die Welt von heute durchziehen: Beispielsweise welchen Weg ein T-Shirt zurücklegt bis es in Deutschland auf den Verkaufstischen landet, wie groß das internationale Netz an Partnerstädten für eine Stadt wie Köln ist oder woher der Hip-Hop stammt, der mittlerweile von Jugendlichen auf der ganzen Welt gehört wird. Sich überlagernde Projektionen veranschaulichen die Netzwerke ebenso wie sich durchdringende Verbindungen auf einer Weltkarte.

An den Längsseiten des Tisches befinden sich jeweils fünf Schubladen, die je ein eigenes Thema beinhalten, welches bei Herausziehen der Schublade aktiviert wird. „Hier hat der Besucher die Möglichkeit, je nach Schublade drei bis zehn unter einer Glasscheibe liegende Exponate anzuwählen beziehungsweise eine Sprachauswahl zu treffen oder sich ein Impressum anzeigen zu lassen“, erläutert Leistner. Wird eine offene Schublade nicht mehr ‚bedient’, wird die Schublade automatisch durch einen Federmechanismus wieder zugezogen.

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