Haus der Berge: Architektur & Medientechnik inszenieren Natur

Im Berchtesgadener Haus der Berge wird die umgebende Natur medial in Szene gesetzt. Dabei soll die Ausstellung nicht das Outdoor-Erlebnis ersetzen, sondern Lust auf „das Original“ machen. Ein intelligentes architektonisches Konzept, mit Medientechnik optimal unterstützt, ist die Basis für das Erlebnis im Naturzentrum.

Haus der Berge

Marika Hildebrandt

Für ein Nationalparkzentrum geht das „Haus der Berge“ in Berchtesgaden außergewöhnliche Wege. Bereits in der Architektur hebt es sich vom traditionellen Erscheinungsbild deutscher Natur-Infozentren ab. Architektonische Hauptattraktion ist die Bergvitrine – ein aufgesetzter Kubus mit sehr großen Glasfronten aus angerostetem Corten-Stahl, der markant in den Himmel ragt. Mit der natürlichen Verwitterung des Materials spiegelt es den Nationalpark-Gedanken „Natur Natur sein lassen“ perfekt wider. Gleichzeitig legt sich die reduzierte Fassade der Bergvitrine wie eine schützende Hülle um den Berg, was die bewahrenden Aufgaben des Berchtesgadener Alpen-Nationalparks symbolisiert.

Ausstellungskonzept

Das „Haus der Berge“ besteht aus einem Dreiklang aus Informationszentrum, Bildungszentrum sowie Außengelände. Die drei Bereiche sind nicht nur inhaltlich, sondern auch gestalterisch miteinander verknüpft und ermöglichen so einen ganzheitlichen Lernprozess. Die Hauptausstellung im Infozentrum ist als begehbares Landschaftspanorama in einem einzigen, großen Raum konzipiert. Der Titel der Ausstellung lautet „Vertikale Wildnis“, da sie die ganze Bandbreite des Lebens vom Grund des Königssees bis hinauf zu den Gipfeln der Berchtesgadener Alpen umspannt. Dabei durchquert der Besucher die vier Hauptlebensräume „Wasser“, „Wald“, „Almweiden“ und „Fels / Karst“. Höhepunkt ist dabei die Begehung eines stilisierten Bergs in der Bergvitrine, die das restliche Gebäude deutlich überragt und so dem Berg seine Bedeutung gibt.

In der Bergvitrine projizieren vier Panasonic-Beamer eindrucksvolle Naturaufnahmen in 4K-Auflösung auf eine über 15 Meter breite Leinwand. Die Bilder zeigen dabei auch ungewöhnliche Perspektiven mit Detailaufnahmen aus einem Ameisenhaufen oder Zeitrafferaufnahmen, die nur mit Natursounds unterlegt sind. Die Natur soll hier für sich wirken und nicht durch belehrende Informationen ergänzt werden.

Alle 15 Minuten öffnet sich in der Bergvitrine die aus 17 Lamellen bestehende Leinwand und gibt den Blick auf den berühmtesten Gipfel des Berchtesgadener Nationalparks frei.

© Tamschick Media+Space

Alle 15 Minuten öffnet sich in der Bergvitrine die aus 17 Lamellen bestehende Leinwand und gibt den Blick auf den berühmtesten Gipfel des Berchtesgadener Nationalparks frei.

Alle 15 Minuten öffnet sich in der Bergvitrine die aus 17 senkrecht stehenden Lamellen bestehende Leinwand und gibt den Blick auf den berühmtesten Gipfel des Berchtesgadener Nationalparks, den Watzmann, frei. Mit diesem Ausblick versteht sich das Haus der Berge als Tor zum Nationalpark Berchtesgaden und nicht als klassisches Naturkundemuseum. Oberstes Ziel des Zentrums ist es, die Menschen für einen Besuch der „realen Natur“ im Nationalpark zu begeistern. Neben dem architektonischen Kunstgriff der sich öffnenden Leinwand-Lamellen spielt auch die verbaute Medientechnik eine wesentliche Rolle hierfür.

Für die inhaltliche Verzahnung zwischen Architektur und Ausstellungskonzept sorgte das Stuttgarter Büro Atelier Brückner. Architekten und Ausstellungsplaner er – arbeiteten gemeinsam die Idee der stilisierten Wanderung über die vier Höhenstufen und der Bergvitrine als Ziel des Rundgangs mit dem Watzmannblick als Bindeglied zur realen Bergwelt.

Jahreszeitlich wechselndes Raumambiente

In der „Vertikalen Wildnis“ befinden sich artifizielle Austellungs-Elemente, die durch die Medientechnik in einem natürlichen Jahresablauf präsentiert werden. Rund die Hälfte der Medienstationen in den vier Ausstellungsbereichen ist nach den Jahreszeiten getaktet. Nach jeweils drei Minuten wechseln automatisch die Jahreszeit und damit die Medien-Inhalte der Stationen.

Nach einem Jahresdurchlauf öffnet sich in der Bergvitrine die Lamellen-Leinwand für ebenfalls drei Minuten. Und so beginnt alle 15 Minuten ein neuer Jahresdurchlauf. Dabei ist die gesamte Medientechnik so programmiert, dass sich die Lamellen nach der jeweils aktuellen Jahreszeit öffnen. So kann man als Besucher je nach Jahres- und Tageszeit immer wieder unterschiedliche Eindrücke in den einzelnen Ausstellungsbereichen sammeln.

Die verschiedenen Grafik-, Foto- und Video-Elemente sind zudem mit einer aufwändigen Licht- und Toninszenierung verknüpft. Zu den verschiedenen Jahreszeiten werden nicht nur die von der Berliner Firma Tamschick Media+ Space produzierten Medien-Inhalte gewechselt. Auch Licht und Ton ändern sich und vermitteln die jahreszeitlich passende Atmosphäre. Damit alle medialen Elemente korrekt zusammenspielen, bedurfte es einer engen Zusammenarbeit zwischen Planern von Atelier Brückner, den Content-Produzenten von Tamschik, den Medientechnik-Installern von Insynergie und den Lichtdesignern von Belzner-Holmes.

Drei großflächige Projektionen vermitteln den Jahreszeitenwechsel in der Ausstellung auch optisch auf den ersten Blick. Am Anfang des Rundgangs zeigt eine 3,5 mal 2,6 Meter große Deckenprojektion die Unterwasser-Sicht aus den Tiefen des Königssees zur Wasseroberfläche. Und im Waldbereich werden auf zwei baumförmige Holzflächeneine Fichte und ein Bergahorn im Jahresverlauf gezeigt, die beide im Winter auch eingeschneit werden. Hier wurden Filmaufnahmen der Bäume zu allen vier Jahreszeiten erstellt und die Holzflächen nach den Formen der Bäume angefertigt.

Die Videoclips wurden in der Postproduktion per Software so mit Masken abgekascht, dass die Projektion exakt der Form der Baumprojektionsflächen entspricht. So wähnt man sich fast vor echten Bäumen und hat alle drei Minuten einen anderen Eindruck der WaldSzenerie. An der Fichte sind zusätzlich verschiedene Singvögel installiert, deren Ruf zur jeweils passenden Jahreszeit aus direkt auf der Baum-Projektionsfläche angebrachten Einbaulautsprechern ertönt. Die Besucher haben darüber hinaus die Möglichkeit, über ein Tastenfeld Vögel direkt auszuwählen und den Ruf direkt erklingen zu lassen. In diesem Modus wird der jeweils ausgewählte Vogel mit einem engen weißen Lichtstrahl beleuchtet.

Schnitt durch den Ausstellungsbereich: Der Besucher durchschreitet den Nationalpark wie auf einer Wanderung; der Parcours steigt kontinuierlich an.

© Atelier Brückner

Schnitt durch den Ausstellungsbereich: Der Besucher durchschreitet den Nationalpark wie auf einer Wanderung; der Parcours steigt kontinuierlich an.

Weiße Strahler werden im Haus der Berge immer dann eingesetzt, wenn es um die Beleuchtung realistischer Objekte wie Tiere geht. Für Flächen oder Lichtstimmungen werden RGB-Strahler eingesetzt, die jede beliebige Farbe annehmen können. Jeder Strahler wurde einzeln für den gesamten Jahresverlauf programmiert und ist Teil einer Gesamtstimmung für die jeweilige Jahreszeit. Im Herbst verfärben sich so nicht nur die Blätter auf der LaubbaumProjektion, sondern der gesamte Waldbereich wird in warmes orangefarbenes Licht getaucht.

Im Lebensraum See hingegen wird über bläuliche Effektlichter suggeriert, dass die Sonne von oben in den See scheint und sich bewegende Lichtspiele auf den „Seeboden“ zaubert. LichtDesignerin Stephanie Schuster von Belzner-Holmes musste sich bei der Licht-Installation eng mit den Content-Produzenten und den Medien-Installern abstimmen: „Damit der Besucher visuell ein stimmiges Ambiente vermittelt bekommt, mussten wir sehr darauf achten, dass wir die Projektionen und Medienstationen nicht mit unserem Licht wegleuchten. Alle Leuchten sind so ausgerichtet, dass die jeweils vorherrschende Jahreszeit deutlich rüberkommt und andererseits die Projektionen und Monitore noch mit gutem Kontrast und Farbsättigung wahrgenommen werden.“

Sensitive Raumbeschallung

Das Raumbeschallungs-Konzept folgt der Idee, dass sich die Atmosphäre in der Ausstellung nicht nur jahreszeitenmäßig ändert, sondern auch auf äußere Einflüsse reagiert. So zwitschern manche Vögel nur, wenn es in der Ausstellung leise genug ist. Bestimmte Geräusche wie Laubrascheln oder der Ruf des Rauhfußkauzes werden erst ausgelöst, wenn Besucher an versteckten Bewegungsmeldern vorbeilaufen. Für das Gesamtambiente arbeiten die 40 Raumbeschallungs-Lautsprecher intelligent zusammen und erzeugen einen atmosphärischen Raumklang.

So fliegen Vögel über die Köpfe der Besucher quer durch den Raum. Der Wechsel zur nächsten Jahreszeit wird jeweils mit einem akustischen Irritationselement eingeleitet, das die Aufmerksamkeit der Besucher auf sich zieht. Beim Übergang zu Frühling und Sommer regnet es, wobei auch hier der Regensound sich im Raum bewegt, so als ob eine Regenwolke über die Besucher hinweg zieht und der Wind die Regentropfen umher weht. Auch beim Wechsel zum Winter weht der Wind durch den Ausstellungsraum und man spürt förmlich die akustisch transportierte Winterkälte.

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