Interview mit Prof. Uwe R. Brückner

Architektur dynamisch denken – Teil 2

“Ausstellungen haben heute eine kürzere Halbwertszeit als früher”, meint Uwe R. Bückner und erklärt im zweiten Teil des Interviews, warum Ausstellungsräume heutzutage flexibel gestaltet werden sollten, wie sich Budgetprobleme umgehen lassen und warum der Einsatz innovativer Medientechnik nicht gleichbedeutend mit hohen Kosten ist.

Atelier Brückner: Parlamentarium Brüssel
Im Parlamentarium in Brüssel können sämtliche Informationen in 24 Sprachen aufgerufen werden. Ohne zeitgemäße digitale Medien wäre dies nicht zu leisten.

Fortsetzung von Teil 1: 

Ist denn die Flexibilität von Ausstellungsräumen heute wichtiger als früher?
Definitiv. Wenn wir ins 19. Jahrhundert zurückblicken haben wir beispielsweise mit Schinkel und Klenze geradezu narrative Architekturen mit Friesen, in denen Geschichten erzählt wurden. Oft haben sie auch die Sammlungen reflektiert. Diese Museen waren darauf ausgelegt, mindestens 100 Jahre zu halten. Im 20. Jahrhundert hat sich das geändert. Als ich in den 1980er Jahren beruflich angefangen habe, hat man von 20 Jahren plus als Wirkungsgrad für Dauerausstellungen gesprochen. Das hat sich Ende des 20. und im ersten Jahrzehnt des 21. Jahrhunderts noch einmal relativiert. Heute spricht man von Generationswechseln, also einem Zeitraum von fünf bis sieben Jahren. Das liegt vor allem daran, dass sich das Rezeptionsverhalten heutzutage wesentlich schneller und in deutlich kürzeren Perioden verändert als früher. Es ist tatsächlich so, dass die jungen Leute heute eindeutig ein ganz anderes Rezeptionsverhalten haben als noch vor zehn Jahren.

Ergibt sich daraus nicht zwangsläufig für jeden Betreiber ein Budgetproblem, wenn er alle sieben Jahre erneuern muss?
Jein. Ja, wenn man das Haus unflexibel konzipiert hat. Dann verlängern sich die Perioden automatisch, weil kein Geld vorhanden ist, um Änderungen vorzunehmen. Wenn es sich aber um eine schlaue, flexible und variable Architektur handelt, dann lässt sich das von Anfang an mit einplanen. Beispielsweise haben wir schon Projekte durchgeführt, bei denen wir dem Auftraggeber empfohlen haben, einen Teil des vorhandenen Budgets zurückzulegen, um davon nach drei Jahren die Projektoren auszuwechseln. Wobei sich mittlerweile auch die Halbwertszeit vieler Geräte stark verbessert bzw. verlängert hat. Und es ist natürlich auch abhängig davon, ob diese für den Dauerbetrieb geplant sind oder nur on-Demand laufen. Ein Beispiel in Sachen Lebensdauer: Das Haus der Geschichte in Stuttgart hat 2002 in Europa eine der ersten multifunktionalen interaktiven Bodenkarten auf der Basis eines sogenannten Kapazitätsfeldes erhalten – ein Prototyp. Tatsächlich lief dieser fast zwölf Jahre wartungsfrei, bis die Leuchtmittel ausgetauscht werden mussten. Interessanterweise ist es ja so, dass viele Museen denken: Viele Medien gleich viele Schwierigkeiten gleich großes Budget. Dem ist nicht so. Man kann vorausschauend planen und Austauschkomponenten von vornherein mit einkalkulieren.

Das hört sich so an, als ob Sie diese Diskussion schon öfter mit Auftraggebern hatten?
Dauernd. Im Augenblick haben wir quasi eine „Zurück ins 19. Jahrhundert”-Bewegung, also zurück zum auratischen Objekt – wie auch immer man dieses definieren möchte. Heutzutage treffen wir auf ganz viele Direktoren und Kuratoren, die der Meinung sind, dass digitale Medien viel zu kompliziert sind. Wir befinden uns gerade inmitten einer komplett analogen Welle – aber es ist nicht die erste und es wird sich auch wieder ändern. Wobei es dabei auch kulturelle Unterschiede gibt: In Zentraleuropa besucht man jetzt gerne wieder das 19. Jahrhundert, während man in Asien auf dem digitalen Medientrip ist. Dort kann es gar nicht medienlastig genug sein.

Gehören denn digitale Medien für Sie zwangsläufig ins Museum des 21. Jahrhunderts?
Überhaupt nicht. Unser Firmencredo lautet „form follows content” – und das gilt auch für die Technik. Wir sind der Meinung, dass die Technik nicht zum Selbstzweck im Vordergrund stehen darf, sondern dass sie dienlichen Charakter haben soll. Das bedeutet, dass wir z. B. digitale Techniken nur einsetzen, wenn analoge Mittel an ihre Grenzen stoßen oder wenn wir spezielle Vermittlungsebenen erreichen wollen. Ein Beispiel dafür ist das Parlamentarium in Brüssel, bei dem sämtliche Informationen in 24 Sprachen aufgerufen werden können. Ohne zeitgemäße digitale Medien wäre dies nicht zu leisten. Mit den neuen Medien kann man aber natürlich auch noch einen Schritt weiter – gehen: Als Fenster oder Tür zu verborgenen Welten. Was ich damit meine: Über eine mediale Ebene lassen sich Informationen transportieren, die eigentlich in einer Ausstellung nicht oder kaum vermittelbar sind, z. B. wissenschaftliche oder kuratorische Erkenntnisse. Wer tiefer in eine Materie einsteigen möchte, muss heutzutage keinen Termin mehr ausmachen, sondern kann dies direkt in der Ausstellung tun. Und das finde ich toll …

Teil 1 des Interviews lesen

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>Das komplette Interview lesen Sie in der aktuellen Ausgabe von KommunikationsRaum.

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