Interview mit Prof. Uwe R. Brückner

Architektur dynamisch denken – letzter Teil

In der Architektur wird oft zu statisch gedacht, meint Uwe R. Brückner und erläutert im dritten Teil des Interviews, warum Architektur und dynamische Nutzung kein Widerspruch sind – egal, ob im Gebäudebestand oder im Neubau.

24 Stufen stehen im Deutschen Uhrenmuseum Glashütte symbolisch für die 24 Stunden des Tages.

Atelier Brückner

24 Stufen stehen im Deutschen Uhrenmuseum Glashütte symbolisch für die 24 Stunden des Tages.

Fortsetzung von Teil 2: 

Beim Haus der Geschichte in Stuttgart ist aber ja nicht nur die interaktive Bodenkarte sehr bemerkenswert, sondern auch das Zusammenspiel von Architektur und Ausstellungsinhalten. Wie ist dies zustande gekommen?
Die Idealvorstellung ist natürlich, dass die Kuratoren, die Szenografen und die Architekten zusammenarbeiten – je früher, desto besser. Das ist eine ganz einfache Formel. Wenn das nicht möglich ist, sollte man versuchen, für eine bestimmte Sammlung oder ein bestimmtes Konzept die bestmöglichen Bedingungen herzustellen. Beim Haus der Geschichte hatten wir einen Sonderfall. Eigentlich ist es ja ein Stirling-Gebäude, das ursprünglich aus seiner Feder stammte, aber erst 20 Jahre später nach dem Tod des Architekten realisiert wurde. Das Problem war, dass ursprünglich in diesem Gebäude überhaupt kein Rundgang vorgesehen war. Stattdessen gab es nur eine zentrale Treppe, von der in den einzelnen Etagen die Ausstellungsbereiche abgingen.

Eine unserer Interventionen war daher, innerhalb der Ausstellungsfläche zwei zusätzliche Treppen einzufügen, was zunächst auf starken Widerstand der Nachfolge-Architekten stieß. Da wir die Wettbewerbsjury aber von unserem Ansatz überzeugen konnten, hatten wir mit den zwei zusätzlichen Treppen die Möglichkeit, einen Rundgang zu schaffen, der die „Grande Staircase” als generösen Aufgang einbezieht. Trotzdem kann man den Rundgang in beide Richtungen begehen. Das Zusammenspiel aus Architektur und Inhalten kam letztlich also über das Zusammenspiel von Architekten und Kuratoren zustande, indem man ein gemeinsames Ziel definierte. Übrigens auch, was die technische Bespielbarkeit und die Flexibilität der Architektur angeht. Dafür haben wir sogenannte Museumswände eingezogen, die aus einzelnen Paneelen bestehen. Die Wände werden entweder mit Technik bestückt oder in den Freiräumen mit Vitrinen – und wenn das Haus noch mehr Ausstellungsplatz oder Ausstellungsvolumen benötigt, dann können die Paneele jederzeit aus der Wand genommen werden, um eine zusätzliche Vitrine einzubauen. Das ist hochflexibel – ohne die Architektur in Frage zu stellen und ohne große Schließzeiten oder Umbauzeiten zu erfordern.

Eine solche Zusammenarbeit ist dann aber wahrscheinlich eher die Ausnahme?
Ja, aber es wäre so einfach, es gleich von Anfang an zusammen zu machen. Das Gleiche gilt für Treppenanlagen generell. Normalerweise stellen sie sich sozusagen selber aus und leiten die Besucher von A nach B, aber man könnte sie auch ganz einfach bespielen. Im Deutschen Uhrenmuseum beispielsweise gibt es eine Glastreppe mit genau 24 Stufen – jede Stufe symbolisiert eine Stunde des Tages. Die Stufe der jeweils aktuellen Uhrzeit leuchtet dauerhaft und wenn man die Treppe betritt, leuchten auch die Stufen, auf denen man sich befindet. Ähnliches gilt für die Beleuchtung von Fassaden. Wenn ich mich anfangs etwas süffisant über die großen Schaufenster in der Museumsarchitektur mokiert habe, dann heißt das nicht, dass es die nicht geben kann oder darf. Man muss aber das Tageslicht konditionieren und den Raum bei Bedarf in kurzer Zeit in eine Blackbox verwandeln können.

Im Haus der Berge in Berchtesgaden beispielsweise gibt es eine 10 m × 15 m große Glasfassade, die wir mit Speziallamellen bestückt haben. In offenem Zustand eröffnet sich ein Blick nach draußen auf den Watzmann. Auf diese Weise wurde die Natur draußen miteinbezogen – ein expliziter Wunsch der Kuratoren. Alle 15 Minuten aber schließen sich diese Speziallamellen und auf sie wird von innen projiziert. Es beginnt immer mit der Projektion dessen, was man vorher in der realen Welt vor dem Fenster gesehen hat und geht dann über auf die Perspektive, wie sich der Watzmann und Umgebung saisonal im Jahresverlauf verändern. Das meine ich mit einem smarten und variablen Umgang. Wenn Architektur dynamisiert werden kann oder wenn man dies mit einberechnet, dann kann sie riesige Fenster und enorme Treppenanlagen aufweisen, dann kann sie Skulptur sein. Es muss aber eingeplant werden, dass sie gleichzeitig der Sammlung oder der Ausstellung dienlich sein muss.

Heißt das, dass in der Architektur zu statisch gedacht wird?
Die meisten Architekten werden leider so „erzogen”. Ich selbst bin da keine Ausnahme – in meinem ersten Leben war ich ein klassischer Architekt und habe es auch nicht anders gelernt. Seit gut zwei Jahrzehnten können wir die Architektur aber auch dynamischer denken, wir können ganze Fassaden oder Fensterfronten miteinbeziehen in den musealen Kontext. Wir können die Architektur geradezu konsistent für eine unterstützende Inszenierung der Objekte oder der Sammlungen gestalten. Architektur und dynamische Nutzung ist kein Widerspruch.

Im Neubau kann man all diese Faktoren natürlich von Anfang an mit einbeziehen. Macht die Ausstellungsplanung im Bestandsbau einen großen Unterschied?
Auch hier wieder ein entschiedenes Jein. Das hängt ganz vom jeweiligen Altbau ab. Wenn der Bestandsbau selbst sehr expressiv ist und die Räume in sich schon ganz stark und „unterhaltenswert” sind, dann ist es natürlich schwierig, Einbauten oder Technik zu integrieren. Das könnte dann den unerwünschten Effekt ergeben, dass Technik und analoge Raumgestaltung miteinander konkurrieren. In so einem Fall muss man abwägen, wir versuchen, niemals gegen die Architektur zu arbeiten.

Ein Prototyp zeitgemäßer Ausstellungsgestaltung ist für mich beispielsweise das Muséum National d’Histoire Naturelle in Paris. Das Naturkundemuseum ist in einem alten Museumsgebäude des 19. Jahrhunderts untergebracht – mit einer komplett modernen Konzeption des 20., wenn nicht sogar des 21. Jahrhunderts, obwohl es mittlerweile schon über 20 Jahre alt sein dürfte und de facto schätzungsweise zu 90 % analog ist. Hier hat man damals wirklich große Eingriffe in die Architektur vorgenommen, aber auf schlaue Weise. Sämtliche architektonischen Eingriffe spielen nicht gegen die Sammlung, sondern harmonieren mit ihr und dem Charakter des Gebäudes. Eine perfekte Symbiose.

Herr Brückner, wir danken für das Gespräch.

Interview: Claudia Rothkamp

Teil 1 des Interviews lesen

>>Das komplette Interview lesen Sie in der aktuellen Ausgabe von KommunikationsRaum.

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